Tu dir weh {Rezension}

Tu dir weh

FSK 18!!!

Autor: Ilaria Palomba
Titel:
 Tu dir weh
Seitenzahl: 314
ISBN: 
978-3-351-05001-6
Verlag: Blumenbar
Veröffentlichung:  06. März 2013

„Sie fühlt Liebe und Hass, Krieg und Frieden, Verlangen und Angst. Sie ist verloren. Sie liebt ihn. Obwohl sie nichts von ihm weiß. Sie begehrt ihn. Ihr gefällt dieser Blick eines Hurensohns auf ihrem Körper.“ (Seite 11)

Stella studiert Philosophie. Auf einer Party lernt sie Marco kennen und ist sofort von ihm begeistert. Doch er ist alles andere als gut für sie: die junge Frau gerät in einen Strudel aus Drogen und Sex. Und in diesem Strudel muss sie ganz schön strampeln, um zu überleben.

„Opium ist ein gutes Mittel gegen Schmerzen. Es führt zu genau dem seelischen Zustand, in dem sich Stella am liebsten immer befände: Unverletzlichkeit.“ (Seite 99)

Drogen und Sex machen den überwiegenden Teil des Buches aus. Ca. 90%, würde ich schätzen. Das sei als Warnung vorweg gesagt.

Hat mich schon das Buch „Nachts werden wir erwachsen“ von den Socken gehauen, so toppt diese Geschichte das noch bei Weitem. Das Prädikat „abgefuckt“ ist hier mehr als verdient.
Wer mit abartigem Rudelbumsen unter Drogeneinfluss nicht klar kommt, sollte hier gar nicht erst weiter lesen. Alle anderen sei gesagt: ihr tut das auf eigene Gefahr!

Stella ist eigentlich ein schlaues Mädchen. Nicht umsonst studiert sie Philosophie und hat dort gute Noten. Doch ihr Leben ändert sich schlagartig, als sie Marco kennen lernt. Ein Mann, der sehr gemischte Gefühle in ihr auslöst und von dem sie abhängig wird. So abhängig, wie von den Drogen. Er macht ihr Versprechungen, und enttäuscht sie doch immer wieder bitter. Und damit auch mich.
Ihre Eltern können nur hilflos zuschauen. Sie finden keinen Zugang zu ihrer Tochter. Die Stimmung zwischen den dreien verschlechtert sich mehr und mehr.

Was hier an Drogen aufgefahren wurde, ist einfach unfassbar. Schier alles verschlingt Stella gemeinsam mit ihren Freunden. Diese „Freunde“ sind aber mit Vorsicht zu genießen. Nicht nur, dass sie sie mehr und mehr mit Drogen versorgen, sie wird auch immer mehr zum Sexobjekt, gar zur Prostituierten, für die Drogenszene. Männer, Frauen, zwei oder mehr – egal. Wer schon bei den Sexszenen in „Shades of Grey“ oder ähnlichem rot angelaufen ist, der sollte von diesem Buch die Finger lassen – und ab hier nicht mehr weiterlesen. Ich versuche, hier in meiner Rezension nichts zu beschönigen oder zu verharmlosen. Schließlich sollten Leser, die zum Buch greifen, wissen auf was sie sich eingelassen haben.

Erschreckend zu lesen, was die italienische Autorin hier in ihrer Fantasie geformt und zu Papier gebracht hat. Zu lesen, wie Stella bei einem Blow-Job dem Typen auf den Schwanz kotzt, weil eben dieser so stinkt, brachte auch mich innerlich zum Würgen.

„Sie kotzt. Und er drückt weiter seinen Schwanz in ihren Rachen: >>Du saust mir den ganzen Schwanz ein, Schlampe.<< Sie spürt etwas Hartes an ihrem Anus. Sie ist von Kotze verschmiert. Oder Wichse. Sie kann es nicht mehr genau sagen.“ (Seite 277/278)

Stella ist innerlich zerrissen. Immer wieder sagt sie sich, dass sie Marcos Anrufe nicht beantwortet, dass sie nicht springt, wenn er ruft und dass sie diese Sexorgien nicht mehr mitmacht. Doch so sehr sie sich das auch einredet, so sehr scheitert sie. Ich habe ihr die Stärke gewünscht und für sie gehofft, dass sie es schafft. Doch irgendwie wollte sie meine stillen Gebete nicht erhören. Und so schlitterte ich als Leserin immer weiter mit ihr in das Verderben, das scheinbar nicht enden wollte. Immer wenn ich dachte, schlimmer kann es nicht werden, hat sie mich – und sich – eines Besseren belehrt.

Doch auch ich war süchtig – nach dem Buch. Vermutlich ebenso süchtig wie Stella nach ihren Drogen. Seite für Seite habe ich – innerlich zitternd wie ein Junkie – umgeblättert. Seite für Seite habe ich gehofft, dass die Protagonistin wieder klarkommt mit ihrem Leben, sich wieder fängt und von den Drogen los kommt. Seite für Seite hat sie wieder Dinge getan, die mich verzweifeln ließen.

Die Geschichte ist eine wilde Achterbahnfahrt durch die langen Nächte von Stella. Als Leser muss man schon einiges aushalten und darf nicht zu zart besaitet sein. Ansonsten geht man in diesem Buch unter. Auch wenn die Geschichte erschreckend, brutal, ekelhaft und – ich sage es noch einmal – abgefuckt ist: mir hat sie gefallen, mich an das Buch gefesselt und geradezu umgehauen. Es ist aber definitiv kein Buch für jeden! Und entweder liest man es in einem Zug durch, oder legt es nach den ersten Seiten angewidert weg. (Eine Leseprobe zum Buch konnte ich leider nicht finden.)
Ohne Narben wirst du nicht alt.

„Ich will verrecken, Gott, warum lässt du mich nicht verrecken. Ich pumpe mich mit Drogen voll, warum verrecke ich nicht.“ (Seite 276)

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5 Herzen

SaCre


Tu dir weh [Rezension] – FSK 18!!!

Tu dir weh
 
Autor: Ilaria Palomba
Titel: Tu dir weh
Seitenzahl: 314
ISBN: 978-3-351-05001-6
Verlag: Blumenbar
Veröffentlichung: 06. März 2013
Leseprobe

Zum Inhalt:

Ohne Narben wirst du nicht alt.

Die hübsche, neunzehnjährige Philosophiestudentin Stella lernt auf einer Party einen Mann mit verführerischer Stimme kennen: Marco. Kurz darauf machen sie es im Auto. Das erste Mal ist wie ein Rausch. Doch der Drang, es so noch einmal zu erleben, führt Stella in eine folgenschwere Abhängigkeit. Das Berührende ist: Stella spürt von Anfang an, was Marco mit ihr vorhat, doch kann sie sich noch befreien, bevor es zu spät ist … (Buchrücken)

Meine Meinung:

„Der Fixer steckt sich einen abgeschnittenen Strohhalm in die Nase und zieht die erste Line weg. Danach reicht er ihr den Strohhalm. Sie sehen aus wie zwei Blätter im Wind: Der eine zittert wegen des Entzugs, die andere aus Panik.“
(Seite 30)

Stella ist schon eine wundersame junge Frau. Sie ist klug, studiert Philosophie und kann ihre Mitmenschen eigentlich ziemlich gut einschätzen. Dies wird durch ihre immer wieder und sehr häufig eingeflochtenen Gedanken deutlich. Dennoch tut sie stets das Gegenteil von dem, was ihr Kopf ihr rät. Weil sie rebellieren will? Weil sie sich langweilt? Weil sie ihren Eltern entfliehen will? Festzuhalten ist jedenfalls, dass sie sich immer wieder freiwillig in die Situationen begibt, die sie mehr als einmal an den Rand des Abgrunds bringen. Und stellenweise sogar darüber hinaus.

Die Dinge, die Stella erlebt, auf was sie sich im Verlauf der Geschichte einlässt, sind, um es auf den Punkt zu bringen, krass. Dabei sollte krass in der krassesten Form verstanden werden, die es gibt. Zumindest meiner Meinung nach. Es geht hier nicht einfach um Drogen, Partys und Sex während der Studentenzeit. Vielmehr sind es Exzesse, Orgien, Verbrechen. Abgründe tun sich auf während des Lesens. Und die ganze Zeit kann man sich nur wünschen, dass Stella ihre Augen öffnet und begreift, was da mit ihr los ist.

„Carla schlüpft auf den Rücksitz. Zieht Stellas T-Shirt hoch. Sie beugt sich vor, um den Kristall von Stellas Brüsten zu lecken. Sie spürt die feuchte Zunge auf ihrer Brust. Ihr ist heiß, Ihre Brustwarzen werden hart, der Slip langsam feucht. Carla übergibt ihr den Kristall mit der Zunge. Stella ignoriert den bitteren Geschmack wie von Medizin, kämpft gegen den Brechreiz. Schluckt. Kalt. Heiß. Speichel. Körpersaft. Lust. Marco schiebt sich die Hand in die Hose.“
(Seite 50)

In die meisten Protagonisten, die mir in Büchern begegnen, kann ich mich ganz gut hineinversetzten. In den Fällen, wo mir das nicht möglich ist, kann ich ihre Handlungen meist aber dennoch irgendwie nachvollziehen. Bei diesem Buch war das nicht so. Ich hätte mich aber ehrlich gesagt auch gewundert, wenn ich mich mit Stella hätte identifizieren können. Wenn ich mich nicht sogar vor mir selbst erschrocken hätte, wenn ich zu dieser Einsicht gelangt wäre. Nun muss ich aber zugeben, dass all dies dennoch eine gewisse Wirkung auf mich hatte. Das Buch hat mich mit seiner Offenheit, Wucht, Eindringlichkeit, den geschilderten Abscheulichkeiten und den mehr als einmal überschrittenen Grenzen in einen Sog gerissen. Ich war regelrecht in einem Rausch, musste und wollte so schnell wie möglich die Seiten umblättern, auch wenn ich stellenweise schockiert und erschrocken war über das, was ich da grad gelesen habe. Oder vielleicht auch gerade deshalb? Fest steht, dass es mir nicht möglich war, mich Stellas Schicksal zu entreißen.

Die zu Papier gebrachten Worte sind wie Schüsse. Die Sprache ist abgehakt, schnell, direkt, gnadenlos, ehrlich. Wenn man dieses Buch lesen möchte, sollte man sich bewusst sein, dass es darin Dinge zu lesen gibt, die einem die Sprache verschlagen können. Und das ist nun keine positiv behaftete Redewendung meinerseits. Aber all das macht auch den Reiz von „Tu dir weh“ aus – man muss es eben nur „ertragen“ können.

„Sie spürt Haare, die in ihrem Hals stecken geblieben sind, und Spermatropfen auf den Lippen. Sie kommt sich vor wie eine abscheuliche Sexgöttin und liebt sich dafür, ekelt sie sich. Dann liebt sie sich wieder.“
(Seite 142)

Wenn ich mir so durchlese, was es über Ilaria Palomba als Person zu lesen gibt, könnte ich mir sogar vorstellen, dass dieses Buch evtl. einen Teil ihrer eigenen Erfahrungen als Studentin wiedergibt. Aber das ist bloß reine Spekulation meinerseits. Und selbst wenn es nicht ihre eigenen Erfahrungen sein sollten, hat sie für mich kein übertriebenes und unglaubwürdiges Szenario geschaffen. Auf mich wirkte das Gelesene trotz aller Unvorstellbarkeit bevor ich es las, durchaus lebensnah – zumindest was diesen Bereich der Gesellschaft angeht.

Man kann dieses Buch nicht im herkömmlichen Sinne mögen. Es ist eine Droge in Buchform, die 314 Seiten lang, oder sogar noch darüber hinaus, süchtig macht. Entweder man lässt sich darauf ein, begibt sich auf diesen Trip, oder man lässt es bleiben. Dazwischen gibt es nicht viel. Schwarz oder weiß. Up oder down.

„Er fährt den Rechner hoch, sucht Musik von den Narkotek und vollendet die Lines mit einer Karte. Stella zieht und legt sich auf das Sofa. Sie merkt, dass die Wirkung schwächer ist als am Vortag. Ihr fällt noch ein, dass sie drei Tage hintereinander Drogen genommen und zwischendurch ihrem Vater Sartre erklärt hat. ‚Vielleicht bin ich Wonder Woman‘.“
(Seite 184)

5 HerzenSaFi