[Rezension] Phantasmen | Kai Meyer

PhantasmenTitel: Phantasmen
Autor: Kai Meyer
Seitenzahl: 400 Seiten
Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58292-8
Veröffentlichung: 14. März 2014
Empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahren
Leseprobe

Zum Inhalt:

Eines Tages tauchten sie aus dem Nichts auf – die Geister der Toten. Millionen auf der ganzen Welt, und stündlich werden es mehr. Sie stehen da, bewegungslos, leuchtend, ungefährlich.
An der Absturzstelle eines Flugzeugs, mitten in Europas einziger Wüste, warten zwei junge Frauen auf die Geister ihrer verunglückten Eltern. Rain hofft, die Begegnung wird ihrer jüngeren Schwester Emma helfen, Abschied zu nehmen. Auch Tyler, ein schweigsamer Norweger, ist auf seinem Motorrad nach Spanien gekommen, um ein letztes Mal seine große Liebe Flavie zu sehen.
Dann erscheinen die Geister.
Doch diesmal lächeln sie.
Und es ist ein böses Lächeln. (© Carlsen)

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Meine Meinung:

Geister, die an den Stellen auftauchen, an denen die Menschen einst gestorben sind. Geister, die sich nicht bewegen, aus der Körpermitte heraus leuchten und so dem Totenlicht seinen Namen gegeben haben. Super. Mit seiner Idee konnte Kai Meyer mich direkt einfangen – und dass im Prinzip schon als ich lediglich den Klappentext las und von der ersten Seite des Buches noch ziemlich weit entfernt war. Seit ich also erfahren hatte, dass es ein neues Jugendbuch des Autors geben wird, stieg die Vorfreude fast täglich.

„Wie alle Geister hatte er sein Gesicht der Sonne zugewandt. Das war die einzige Bewegung, zu der sie fähig waren. Drehten sich unendlich langsam mit der Sonne von Osten nach Westen, blieben dabei auf der Stelle stehen, sagten nichts, taten nichts. Blickten nur mit leeren Mienen mitten ins Licht, als erinnerten sie sich an etwas, das sie schon einmal gesehen hatten.“ (Seite 13)

Zu meiner großen Freude merkte ich recht schnell, dass ich „Phantasmen“ verfallen bin. Und noch eines war mir recht schnell klar: Der Autor belässt es nicht bei seiner starken und einfallsreichen Grundidee. Er spinnt diese immer weiter, lässt neue Aspekte einfließen und gestaltet sie weit reichender, als es zunächst den Anschein hat und verleiht ihr einen gruselig wirkenden Touch.

Mit Rain, ihrer jüngeren Schwester Emma, und dem Norweger Tyler schickt der Autor Charaktere ins Rennen, die er nicht bis ins kleinste Detail beschreibt. Meiner Meinung nach ist dies auch gar nicht nötig. Man erfährt trotzdem genug und mir gelang es dennoch problemlos, mich in sie, ihre Gedanken und Taten hineinversetzen zu können. Die Nebenfiguren runden die Geschichte der Phantasmen wunderbar ab und passen hervorragend ins Gesamtbild – gut ausgeklügelte Charaktere, von denen jeder einen gewissen Anteil an der Geschichte hat.

„Dann waren sie da, von einem Augenblick zum nächsten.
Nichts hatte ihr Kommen angekündigt. In einem weiten Radius wurde die Wüste abrupt in Helligkeit getaucht. Buschwerk warf verästelte Schlagschatten über den Sand. Außerhalb des Totenlichts reflektierten Tieraugen den grellweißen Schein.“ (Seite 31/32)

Spannend und mitreißend beginnt die Geschichte. Gleichermaßen geht es dann eigentlich auch die ganze Zeit über weiter. Der Punkt, an dem die Eltern von Rain und Emma als Geister erscheinen und mit all den anderen Opfern des Flugzeugabsturzes plötzlich anfangen, böse zu lächeln, ist recht früh erreicht. Somit gibt es ausreichend Platz für weitere Fragen und Mysterien. Und diesen Platz weiß der Autor hervorragend zu füllen.

Der Fokus der Geschichte verschiebt sich dadurch leicht, verliert aber dennoch nie den Ausgangspunkt aus den Augen. Auch, wenn dann am Ende doch alles ganz anders zu sein scheint, als man anfangs noch dachte. Das geheimnisvolle und böse Lächeln der Erscheinungen ist dabei nicht bloß für die Akteure im Buch ein Rätsel. Auch in meinem Leserkopf sammelten sich Fragen über Fragen. Auf die Antworten musste ich lange warten, doch sie kamen. Zugegebenermaßen habe ich auf den ersten Blick, beim ersten Lesen der aufklärenden Sätze, nicht immer alles gleich begriffen. In der Gesamtheit war jedoch alles schlüssig.

„Eine graue, spindeldürre Gestalt tauchte auf allen vieren aus dem Dunkel auf. Die Proportionen waren falsch, Arme und Beine viel zu lang, der Torso zu klein, der Kopf ein hängendes, haariges Ding. Das Wesen schrie sich die Lunge aus dem Hals, es war ein hoher, nicht enden wollender Ton.“ (Seite 176)

Es gab eine Stelle in dem Buch, an der ich für einen Moment nicht mehr weiter lesen konnte. Dieses Ereignis hat zwar mit der Geschichte zu tun, ist aber kein elementar wichtiger Punkt. Und doch wurde mit diesen wenigen Sätzen mein ganzes Lesegefühl umgekrempelt. Als ich den Moment, in dem mir fast die Luft weggeblieben ist, hinter mir hatte, konnte ich nur staunen, was Kai Meyer mit dieser Szene in mir ausgelöst hat. Dieses starke Empfinden beruht in erster Linie zwar auf meinen persönlichen Gedanken und Emotionen an einen ganz bestimmten Tag – doch ich kann mir gut vorstellen, dass es vielen (vor allem Erwachsenen, die jenen Tag ähnlich bewusst wie ich in Erinnerung haben) nicht viel anders gehen wird. Kai Meyer beschwört mit seinen Worten in dieser Szene einfach unglaubliche Bilder hinauf. Und mich haben sie einen Moment sprachlos gemacht.

Alles in allem punktet „Phantasmen“ mit einer fantastischen Idee, tollen Charakteren, in die man sich hineindenken und auch fühlen muss, um sie vollends verstehen zu können, einer spannenden Story, der zu keinem Zeitpunkt die Luft ausgeht und einem Ende, das nach dem großen Showdown im ersten Moment vielleicht zu schlicht, im Endeffekt aber genau passen ist.

„Zweihundertdreißig Geister, die für alle Zeit am Himmel hingen. Sie standen aufrecht in der Luft, immun gegen die eisigen Temperaturen und Stürme, mehrere Tausend Meter hoch über dem Atlantik. Männer, Frauen und Kinder, die alle innerhalb eines Augenblicks in einem Feuerball ums Leben gekommen waren.“ (Seite 275)

Ich war bereits von meinem ersten Buch von Kai Meyer „Asche und Phönix“ begeistert. Mit „Phantasmen“ hat sich der Autor jetzt auf die Liste meiner Lieblingsautoren geschrieben. Wirkliche Kritikpunkte kann ich nicht benennen, weil ich schlicht und einfach keine gefunden habe – von der einen oder anderen, kleinen Verständnisschwierigkeit, wie oben erwähnt, mal abgesehen. Für mich ein rundherum gelungenes Jugendbuch und eine klare Leseempfehlung.

5SaFi


Survive – Wenn der Schnee mein Herz berührt [Rezension]

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Autor: Alex Morel
Titel: Survive – Wenn der Schnee mein Herz berührt
Seitenzahl:
256
ISBN: 978-3-86396-047-6
Verlag:
Egmont INK
Veröffentlichung: 10. Januar 2013
Empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahren
Leseprobe
 

Zum Inhalt:

„Liebe Mum,
ich gehe zu Dad. Wir sehen uns auf der anderen Seite. Mach dir keine Vorwürfe. Ich wurde damit geboren, und da lässt sich nun mal nichts machen.
Alles Liebe, Jane.“ (S. 55)

So hatte sich Jane das eigentlich nicht vorgestellt. Statt, wie geplant, Selbstmord begehen zu können, überlebt sie, zusammen mit Paul, als einzige einen Flugzeugabsturz in den verschneiten Rocky Mountains.

Die beiden Teenager sind völlig auf sich allein gestellt. Sie kämpfen sich zusammen durch die Wildnis und den Schnee und kommen sich dabei unweigerlich näher. Und allein Paul ist es dabei zu verdanken, dass Jane zum ersten Mal seit langer Zeit erkennt, dass sie eigentlich nur eines will: Leben.

Der Ausgang dieser Odyssee ist jedoch völlig ungewiss…

Meine Meinung:

„Ich weiß nicht, wohin. Ich bin verloren. Ich werde sterben. Auf diesem gottverlassenen Berg werde ich sterben. Nun gut, ist es nicht genau das, was ich wollte?
Auf einmal weiß ich darauf keine Antwort mehr.
Ist es denn das, was ich wollte? Wollte ich das?“ (S. 66)

Die Geschichte besticht in erster Linie durch ihre Einfachheit. Obwohl das Szenario im ersten Augenblick vielleicht auf haarsträubende Abenteuer hindeuten könnte, geht es schlicht und einfach um das nackte Überleben. Und um Zusammenhalt und Überwindung. Mir persönlich hat diese Schlichtheit gut gefallen. Dadurch wirkte das Buch auf mich nicht wie ein Teenie-Action-Streifen, sondern wie etwas, dass zwei Jugendliche tatsächlich erlebt haben könnten.

Ich muss aber gestehen, dass ich auch irgendetwas vermisst habe. Als ich das Buch zugeklappt habe, dachte ich so bei mir: Wie, schon vorbei? Schade… Ich bin was das angeht wirklich ein wenig hin- und hergerissen. Auf der einen Seite hat mir das Simple zwar, wie bereits erwähnt, sehr gut gefallen, so kann auch noch zwischen den Zeilen vieles lesen, auf der anderen Seite hätten ein paar Seiten mehr dem Buch aber sicherlich auch nicht geschadet. Ich hätte Jane und Paul gerne noch ein wenig besser kennen gelernt, als ich es ohnehin schon getan habe.

>>Na los, auf geht’s<<, sagt er und hebt die Hand, um mit mir abzuklatschen.
>>Abklatschen?<< frage ich. >>Ich werde sterben und du willst mit mir abklatschen?<<
Er schaut für einen Augenblick belämmert drein, dann sagt er: >>Entschuldige. Ich wollte dir nur Mut machen. Denk doch an gestern. Du warst unglaublich. Sei heute auch wieder unglaublich.<< (S. 129)

Paul und Jane sind mir richtig ans Herz gewachsen. Die beiden Teenager haben eine alles andere als schöne und einfache Kindheit gehabt. Sie mussten und müssen noch immer mit schweren Verlusten klarkommen, jeder auf seine Art und Weise. Jane hat bereits zwei Selbstmordversuche hinter sich, Paul versteckt sich hinter coolen Sprüchen und hat ein mehr als schwieriges Verhältnis zu seinem Vater aufgebaut.

Das Band, das die beiden eigentlich von Anfang an miteinander verbindet, wird im Laufe der Zeit immer stärker. Diese immer stärker werdende Zuneigung ist sehr schön und nachvollziehbar beschrieben, wie ich finde. Genauso wie die Wandlung, die Jane im Laufe der Zeit, dank Paul, durchmacht. Und so blieb mir auch schlicht nichts anderes übrig, als mir ein Happy End für die beiden zu wünschen. Ich werde hier aber natürlich nicht verraten, ob das Schicksal es gut mit ihnen meint und ein glückliches Ende für sie bereithält.

„Er hält meine andere Hand in seiner und drückt zurück. Nicht auf eine >>Ich-halte-dich-warm<<-Art, sondern mehr auf die >>Ich-mag-dich<<-Art.
Vielleicht sind die gegenwärtigen Bedingungen nicht die besten, um diese Bedeutungen auseinanderzuhalten – das kalte Wetter, der Medikamentenentzug, Hunger, all die Schichten willkürlich gewählter Oberbekleidung, die Dunkelheit -, aber ich spüre eine Art Luftveränderung zwischen uns, und so etwas wie Zuneigung steigt in mir auf.“ (S. 157)

Die Geschichte hat eine schöne Botschaft, die in erster Linie durch leise Töne vermittelt wird. Insgesamt wurde ich gut unterhalten und habe mich zusammen mit Jane und Paul in ein spannendes und berührendes Abenteuer gestürzt, bei dem die beiden immer wieder aufs Neue an ihre Grenzen und darüber hinausgegangen sind. Ein tolles, lesenwertes Jugendbuch – auch für nicht mehr ganz so jugendliche Leseratten.

4 HerzenSaFi