[Rezension] Opferzeit | Paul Cleave

Opferzeit von Paul Cleave
 
Titel: Opferzeit
Autor: Paul Cleave
Seitenzahl: 672 Seiten
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-43749-4
Veröffentlichung: 14. Oktober 2013
Leseprobe

Zum Inhalt:

Vor einem Jahr versetzte Joe Middleton, besser bekannt als der Schlächter von Christchurch, mit seinen brutalen Morden die Stadt in Angst und Schrecken. Nun sitzt Joe im Knast und wartet auf seinen Prozess, der in ein paar Tagen beginnen soll. Joe ist felsenfest davon überzeugt, dass er nach dem Prozess nicht wieder in den Knast muss. Denn er beteuert seine Unschuld und will auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren. Was der Serienkiller nicht ahnt: Melissa X, seine ehemalige Geliebte, plant einen Anschlag auf Joe und hat auch schon jemanden gefunden, der bereit ist, den Abzug zu drücken…

Opferzeit_Atikelbild

Meine Meinung:

Wie gut, dass ich im letzten Jahr Paul Cleave für mich entdeckt habe. Wie gut, dass dieser eine Fortsetzung von Joes Geschichte geschrieben hat. Wie gut, dass ich nach „Der siebte Tod“ direkt zu „Opferzeit“ greifen konnte…

„Ich bin ein netter Kerl. Das versuche ich den Leuten immer wieder zu erklären. Doch niemand will mir glauben.“ (Seite 35)

Da ich den ersten Teil der Geschichte rund um den Schlächter von Christchurch unmittelbar vor der Fortsetzung gelesen hatte, fiel mir der Einstieg natürlich nicht schwer. Paul Cleave knüpft da an, wo die Geschichte zuvor endete, streut die wichtigsten Punkte noch mal kurz ein, und gönnt dem Leser auf den nachfolgenden Seiten dann kaum eine Atempause.

Die Spannung nimmt von Seite zu Seite mehr zu und die Handlung wird mit der Zeit immer komplexer. Lange Zeit tappt der Leser in Bezug auf die Frage wie das alles ausgehen wird im Dunkeln. Dazu trägt auch der wieder einmal gut durchdachte Aufbau der Geschichte bei. Neben Joe bekommen diesmal auch Melissa, die Joe in Sachen Wahnsinn in nichts nachsteht, und Carl Schroder, der ermittelnde Detective im Schlächter-Fall, ihre eigenen Kapitel.

„Und genau aus diesem Grund ergibt die Welt keinen Sinn. Ein Typ mit Glatze regiert unser Land, und trotzdem bin ich es, der im Knast sitzt?“ (Seite 177)

Joes Gedanken und Ansichten werden wieder genauestens unter die Lupe genommen – frei nach dem Motto „Der Wahnsinn hat einen Namen: Joe Middleton“. Diesmal wird aber nicht bloß er einer psychologischen Begutachtung unterzogen, sondern auch die anderen Darsteller. Dabei tun sich Abgründe auf, erschütternde Wahrheiten kommen ans Licht und so manche Unklarheit wird ausgeräumt. Auch wenn Joe in diesem Wälzer mit knapp 700 Seiten nicht zu kurz kommt, fehlte mir doch ein wenig dieser eigentümliche Flair aus „Der siebte Tod“, wo so ziemlich alles aus der Sicht von Joe geschildert wird.

Obwohl „Opferzeit“ das aktuelle Buch von Paul Cleave ist, reiht es sich in der Zeitleiste direkt nach „Der siebte Tod“ ein, und das wird während des Lesens auch immer wieder deutlich. So kreuzte z. B. Caleb Cole – ein alter Bekannter aus „Das Haus des Todes“ – meinen Leseweg und brachte die Erinnerungen an seine Geschichte wieder zurück. Mir hat dieser Kniff von Paul Cleave sehr gut gefallen.

„Sie will Joes Tod, und das findet er okay. Denn er will ihn ebenfalls. Ihre Wünsche sind dieselben.“ (Seite 365)

In einem Interview zu „Opferzeit“ schreibt Paul Cleave: „Tatsächlich möchte ich behaupten, dass es das beste Buch ist, das ich je geschrieben habe.“ Auch wenn ich bislang nicht alle Bücher des neuseeländischen Autors gelesen habe, kann ich mir gut vorstellen, dass diese Aussage nicht bloß so dahin geschrieben wurde, sondern der Wahrheit entspricht. „Opferzeit“ ist psychologisch gut durchdacht, bietet Spannung und Action ohne dabei überladen zu wirken, und trumpft mit einem Serienkiller auf, der zwar das personifizierte Böse darstellt, gleichzeitig aber, dank seiner einzigartigen Art und Weise, auch zum Lachen animiert. Wer Joe noch nicht kennt, sollte dies möglichst schnell nachholen.

4,5SaFi

HIER gibt es weitere Infos zu „Opferzeit“ – z. B. einen Steckbrief von Joe.


[Rezension] Der siebte Tod | Paul Cleave

Der siebte Tod von Paul Cleave
 
Titel: Der siebte Tod
Autor: Paul Cleave
Seitenzahl: 432 Seiten
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-43247-5
Veröffentlichung: 02. April 2007
Leseprobe

Zum Inhalt:

Auf seine Mitmenschen wirkt Joe Middleton wie ein ganz normaler Kerl. Er verdient als Putzmann bei der Polizei von Christchurch seine Brötchen, vergisst nie, seine geliebten Fische zu füttern und besucht regelmäßig seine Mutter, deren Kaffee er bei diesen Gelegenheiten ab und zu mit Rattengift eine besondere Note verleiht.
Joe ist der einzige in der Stadt, den die Meldungen über den Schlächter von Christchurch, dem sieben Morde an Frauen zur Last gelegt werden, nicht weiter interessieren. Abgesehen von einer Kleinigkeit: Der Schlächter, dass weiß Joe ganz sicher, ist nur für sechs der sieben Morde verantwortlich. Doch wenn es schon einen Nachahmer gibt, dann kann man ihn ja auch aufspüren, bestrafen und ihm die Morde anhängen, oder? Wenn ihm dabei doch bloß nicht so viele Frauen im Weg stehen würden…

Der siebte Tod_Artikelbild

 Meine Meinung:

Ist euch buchtechnisch schon mal ein Serienkiller über den Weg gelaufen, der euch mit seinen Taten zwar das Fürchten lehrt, euch aber gleichzeitig mit seinen Überlegungen und Gedankengängen fast schon in Gelächter ausbrechen lässt? Mir bislang nicht. Doch jetzt hat Joe Middleton meinen Leseweg gekreuzt…

»Ich heiße Joe«, sage ich und lange nach meinem Aktenkoffer. Ich wähle das zweitgrößte Messer, das ich darin aufbewahre. Eine Klinge von feinster Schweizer Machart. Ich halte es hoch. Wir können es beide sehen. Für sie sieht es größer aus, obwohl ich näher dran bin. Hat irgendwas mit der Perspektive zu tun. (Seite 12)

Paul Cleave hat mit Joe einen äußerst interessanten und nicht minder kranken Serienkiller ins Rennen geschickt. Auch wenn es rein wörtlich die Untertreibung des Jahres ist, formuliere ich es mal so: Joe hat es faustdick hinter den Ohren. In seinem Kopf – der für Außenstehende mit nicht sehr viel Inhalt gefüllt zu sein scheint, da Joe es hervorragend versteht, seine Umwelt glauben zu lassen, dass er geistig nicht ganz auf der Höhe ist und den IQ eines Lattenzauns hat – schmiedet er perfide Pläne, die er dank seines geliebten Messers und der teuer erstandenen Glock, ohne Rücksicht auf Verluste, dann auch alsbald ausführt.

Joe höchstpersönlich führt den Leser durch die Geschichte. Lässt einen Teil seines Lebens sein. Neben den Morden nehmen Joes ausschweifende Gedanken über Gott und die Welt einen großen Teil des Buches in Anspruch. Mit anderen Worten: Joe schwafelt viel und gerne rum – mal mit mehr, mal mit weniger Sinn und Verstand, aber immer mit einer ordentlichen Portion schwarzem Humor. Auf der einen Seite wird so das Profil von Joe auf eine Art und Weise vervollständigt, die ich bislang nicht kannte und die mir sehr gut gefallen hat, auf der anderen Seite wurde mein Lesewille so ein paar Mal ganz schön strapaziert.

„Eine Signatur ist das, worum es bei einem Mord überhaupt geht. Sie ist der Lohn. Ich habe keine, weil ich keiner dieser kranken, perversen Bastarde bin, die Frauen umbringen, weil sie das für ihre sexuelle Befriedigung brauchen. Ich mache es aus Spaß. Und das ist ein großer Unterschied.“ (Seite 51)

Die Schilderungen von Joes Taten waren größtenteils nicht so detailliert und unverblümt beschrieben, wie ich es in einem Thriller dieses Formats eigentlich gerne lese. Cleave setzt mit seinen Beschreibungen an, hört dann meistens aber abrupt wieder auf und der Leser wird mit den Folgen der Taten konfrontiert. So findet das Bestialische im Kopf des Lesers, und nicht in Form von gedruckten Buchstaben, statt. Der Fantasie sind so zwar kaum Grenzen gesetzt, der thrillige Leseschauer bleibt dadurch aber stellenweise ein wenig auf der Strecke.

Wenn ich das Buch an sich schlecht gefunden hätte, würde ich an dieser Stelle vermutlich schreiben, dass die Geschichte langatmig ist und vor sich hinplätschert. Da aber das genaue Gegenteil bei mir der Fall ist, komme ich eher zu dem Schluss, dass das fast schon gemächliche Voranschreiten der Geschichte – von ein paar Highlights mal abgesehen – gepaart mit Joes Wesen eine fast perfekte Kombination bietet.

„Ich glaube, er hat mich gerade einen verrückten Bastard genannt. Vielleicht bin ich das. Vielleicht ist das mein Problem. Ich überprüfe diese Theorie, indem ich aufstehe und ihm meine Faust in den Magen ramme.
Das gibt’s doch nicht! Er hat tatsächlich recht.“ (Seite 344)

„Der siebte Tod“ war für mich nicht der knallharte und blutrünstige Thriller, auf den mich gefreut hatte, sondern eher das gut durchdachte und ausgereifte Psychogramm eines Wahnsinnigen. Dennoch (oder gerade deshalb?) hat Paul Cleave mich mit seiner Idee und deren Umsetzung begeistern können.

4SaFi


Das Haus des Todes [Rezension]

Das Haus des Todes von Paul Cleave

Autor: Paul Cleave
Titel: Das Haus des Todes
Seitenanzahl: 576
ISBN: 978-3-453-43695-4
Verlag: Heyne

Zum Inhalt:

Caleb Cole hat in dieser Nacht so einiges vor. Er fühlt sich gut, ist frisch geduscht und an seinem Körper klebt nun kein Blut mehr. Das wird sich aber bald wieder ändern, denn Caleb hat gerade erst damit begonnen zu morden…

Meine Meinung:

Meist folgen Thriller ja einem bekannten Muster: ein Killer zieht mordend durch die Stadt und die Polizei folgt seiner blutigen Spur der Verwüstung. In diesem Thriller ist das in gewisser Weise zwar ähnlich, aber irgendwie auch komplett anders.

Ich muss zugeben, dass ich eigentlich eine etwas andere Story erwartet hatte. Daran sind der Klappentext und der Titel schuld. Ich bin davon ausgegangen, dass Caleb in einem Haus diverse Menschen zusammenrotten und dann blutrünstig abschlachtet wird. So spielt es sich zwar nicht ab, ich wurde aber dennoch nicht enttäuscht.

„Er ist müde und blutverschmiert, und ihm fehlt seine Familie. Ein toter Mann sollte eigentlich nicht so müde sein. Er möchte, dass das hier alles vorbei ist, dabei hat er noch nicht mal angefangen.“ (S. 68)

Caleb Cole musste schwere Schicksalsschläge hinnehmen. All diese Erlebnisse entschuldigen natürlich nicht was er tut, aber diese Erfahrungen liefern die Erklärung für sein Handeln, und sorgten bei mir für das Gefühl des Verstehen Könnens, und stellenweise sogar für Mitleid dem eigentlich verabscheuungswürdigen Serienkiller gegenüber. Paul Cleave lässt Caleb nicht einfach mordend durch die Gegend ziehen. Vielmehr lässt er den Leser Caleb Stück für Stück näher und schließlich an einen Punkt kommen, an dem dann jeder für sich selbst entscheiden muss, was er von Caleb Cole hält.

Mit Theodore Tate, der anderen Hauptperson in diesem Thriller, ist es dasselbe. Obwohl er in dieser Geschichte eigentlich der Gute ist. Aber auch er hat Schreckliches erlebt, hat in der Vergangenheit Fehler begangen, saß sogar schon im Knast, und ist somit eigentlich nicht der typische Held in glänzender Rüstung.

„Auf den Toten wurde so oft eingestochen, dass von der Klinge immer wieder Blut an den Ventilator gespritzt ist, der es dann im Raum verteilt hat; die Gesetze der Physik sind hier auf die Gesetze der Kreativität getroffen.“ (S. 77)

Der Schreibstil war angenehm zu lesen und die Seiten flogen nur so durch meine Hände. Die Geschichte wird auf zwei Ebenen erzählt. Zum einen das Tun von Caleb, zum anderen die Polizeiarbeit aus der Sicht von Tate.

Dieser Thriller lebt nicht von blutrünstigen Mordszenarien, die man als geneigter Thriller-Leser vielleicht gewohnt ist und bevorzugt und wartet dann am Ende auch nicht mit einem großen, alles erklärenden Finale auf. Die Spannung ergab sich aus den komplexen Charakteren und daraus, dass ich beide Seiten der Medaille zu gleichen Teilen kennen lernte. Immer in der Gewissheit, dass ich, dank der geschickten Erzählweise, immer mehr wusste als die Polizei, und regelrecht auf die Folter gespannt wurde, wie lange sie wohl brauchen werden, um das zu entdecken, was ich selbst schon seit ein paar Seiten wusste. In den meisten Thrillern ist das ja doch anders.

Für mich ein absolut lesenswerter Thriller.

4 HerzenSaFi