[Rezension] Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe | A. J. Betts

1 Buch - 2 MeinungenDie Unwahrscheinlichkeit von Liebe

Titel: Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe
Autor: A. J. Betts
Seitenzahl: 336 Seiten
Genre: Jugendbuch, ab 12 Jahren
Verlag: Fischer KJB
ISBN: 978-3-596-85661-9
Veröffentlichung: 25. September 2014
Leseprobe
»Kaufen«
 
Zum Inhalt:

Kopf an Kopf liegen Zac und Mia in ihren Krankenhausbetten, nur durch eine dünne Wand getrennt. Alter: 16. Diagnose: Krebs. Gefühlszustand: isoliert und allein. Und aus ersten Klopfzeichen erwächst eine Liebe, die unter normalen Umständen niemals möglich gewesen wäre … (© Fischer KJB)

Meinung SaCre:

„Drei Uhr nachts ist richtig übel. Es ist zu dunkel, zu hell, zu spät, zu früh. Das ist die Zeit, in der du anfängst, dir Fragen zu stellen, die dir dann wie Fliegen im Kopf umherschwirren, bis er voll davon ist. […]
Es ist 3.04 Uhr, und ich frage mich, wer ich bin.
Das Knochenmark ist deutsch – so viel durften die Ärzte mir sagen.“ (Seite 38)

Die Geschichte um Zac und Mia hat mich neugierig gemacht, seit ich das Buch in der Vorschau entdeckte. Und als es mir dann persönlich von einer Mitarbeiterin des Verlages empfohlen wurde war klar, ich muss es lesen.

Zu Beginn der Geschichte lernen wir Zac kennen. Der erste Teil des Buches ist aus seiner Sicht erzählt. Er liegt gerade im Krankenhaus und erholt sich von seiner Knochenmarktransplantation. Irgendwann taucht Mia im Zimmer nebenan auf. Er hat sie noch nicht gesehen, nur gehört. Entweder schreit sie, streitet sich mit der Mutter oder Ärzten oder hört sehr laut Lady Gaga. Zac sieht sie nur mal kurz, als sie in sein Zimmer linst. Ansonsten besteht ihre „Kommunikation“ aus Klopfen, Zettelchen seinerseits oder Facebook Nachrichten. Und obwohl beide keinen persönliche Berührung miteinander haben, fühlt Zac sich doch zunehmend zu ihr hingezogen. Doch irgendwann ist Mia weg.

Teil 2 wird abwechselnd aus Mias und Zacs Sicht erzählt. Wir lernen beide besser kennen. Und was sich in Teil 1 schon zeigt, wird hier verstärkt erzählt: beide gehen völlig unterschiedlich mit ihren Situationen um. Zac hat seine Krankheit akzeptiert. Er hält sich an ärztliche Vorgaben und versucht, das Beste daraus zu machen. Er schaut sich im Internet immer wieder Videos Überlebender an und kennt sämtliche Blogs, die sich mit dem Thema Krebs beschäftigen. Statistiken zu Überlebenschancen kann er nahezu im Schlaf beten. Google liefert ihm in „0,23 Sekunden“ „mehr als 742 Millionen Seiten über Krebs“. Er legt aber auch ein gewisses Maß Selbstironie an den Tag. Sein Knochenmark stammt aus Deutschland. Freunde haben ihm nun den Spitznamen „Helga“ verpasst; und er kokettiert damit. Wirklich einige Szenen haben mich zum Schmunzeln gebracht.
Seine Mutter ist ihm eine große Stütze. Die meiste Zeit verbringt sie bei ihm im Zimmer – sie spielen und zocken und essen gemeinsam Eis. Auch wenn er sich manchmal mehr Freiraum wünscht ist er schlussendlich doch froh, dass seine Mutter so ist.

Mia kann sich mit ihrem Schicksal nicht anfreunden. Sie kann die Krankheit – und all das, was sie mit sich bringt – einfach nicht annehmen. Und schon gar nicht kommt sie damit klar, dass Zac ihr immer wieder sagt, dass ihre Überlebenschancen besser sind, als seine. Sie ist sturköpfig und rebelliert. Sie sucht mit jedem Streit, egal ob Mutter, Arzt oder Krankenschwester. Doch das dient zu ihrem Selbstschutz. Denn als sie sogar ihre Freundinnen betrügt, wandelt sich etwas in ihr. Sie hat erkannt, dass ihr früheres Leben, welches sie gerne zurück hätte, vielleicht doch nicht das Nonplusultra war. Die Oberflächlichkeit nervt sie. Früher waren Lippenstifte und Make-Up für sie interessiert. Heute nur noch die „Reihen aus verschreibungspflichtigen Schmerztabletten hinter dem Ladentisch“.
Mias Mutter besucht sie nicht wirklich oft. Auch Mias Freund lässt sich nur sporadisch im Krankenhaus blicken.

Zac und Mia sind beide nicht mehr im Krankenhaus. Sie haben keinen Kontakt zueinander, doch können den jeweils anderen nicht vergessen.

„Ich ging wieder zur Schule, auch wenn ich in der fünften und sechsten Stunde regelmäßig einschlief. Sogar Hausaufgaben akzeptierte ich mehr oder weniger klaglos, da demographische Daten in einem Graphen darzustellen und Wirtschaftspläne zu analysieren bedeutete, dass ich normal war wie jeder andere Schüler in der zwölften Klasse, dessen Leben in einer dicken schwarzen Linie von A nach B und weiter zu C verläuft.“ (Seite 129)

Der dritte Teil wird aus Mias Sicht erzählt. Mehr möchte ich zum Inhalt nun auch gar nicht mehr schreiben – sonst würde ich noch spoilern.

A. J. Betts hat mit „Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe“ ein wunderschönes Buch geschrieben, das in meinen Jahreshighlights seinen Platz weit vorne finden wird!
Der Schreibstil lässt sich sehr gut lesen. Emotionen kann sie dem Leser voll und ganz vermitteln. Trauer, Freude, Hoffnungslosigkeit, Selbstaufgabe – all diese Emotionen kamen während des Lesens in mir auf. Erwähnenswert, wie behutsam sie mit dem Thema Krebs umgegangen ist. Es gibt jede Menge Höhen und Tiefen, die stets Begleiter der Kranken sind.. Ich habe wirklich mit beiden Jugendlichen mitgefiebert. So unterschiedlich Zac & Mia in ihren Charakteren sind, so hervorragend ergänzen sie sich. Ein Buch, das den Leser berührt und mit Sicherheit auch nachdenklich zurück lässt. HERZENSBUCH-ALARM!

„Vielleicht ist Mut nichts anderes als das: eine spontane Handlung, bei der der Kopf NEIN ruft, aber dein Körper es einfach trotzdem tut.
Mut oder Dummheit. Schwer zu sagen.“ (Seite 256)

5

Meinung SaFi:

„Eine Schwester saust an dem runden Fenster in der Zimmertür vorbei – Nina. Sie hat etwas Gelbes im Haar. Es könnte ein Küken sein. Ob sie die Spangen wohl in der Kinderabteilung kauft? In der richtigen Welt wäre es wahrscheinlich seltsam, wenn eine achtundzwanzigjährige Frau Plastiktiere im Haar trüge. Hier passt es jedoch irgendwie.“ (Seite 11)

Viel unterschiedlicher als Zac und Mia kann man mit der Erkrankung Krebs wohl nicht umgehen. Das böse K-Wort hat auf beide völlig unterschiedliche Auswirkungen. Während Zac sich mit Statistiken zu beruhigen versucht und in Internet-Foren und mithilfe von Videos am Schicksal anderer Krebspatienten teilnimmt und somit analytisch an die Sache herangeht, lässt Mia ihrer Wut über die Krankheit freien Lauf. Sie hört laut Musik, viel zu laut, meckert und nörgelt und zieht sich in sich zurück – nur ihre Mutter und ihr Freund wissen, was ihr wirklich fehlt, allen anderen Freunden und Bekannten spielt sie etwas vor.

Genauso unterschiedlich gehen auch die Eltern mit der Situation um. Zacs Mutter verbringt die schwere Zeit der Isolation, die die Knochenmarktransplantation mit sich bringt, in seinem Zimmer. Sie spielt Videospiele mit ihm, holt ihm einen Minze-Shake aus der Cafeteria, wenn er Appetit darauf hat, und ist in dieser schweren Zeit einfach für ihren Sohn da. Mias Mutter hingegen, so geht es aus dem hervor, was Zac durch die dünne Wand mitbekommt, ist immer kurz angebunden, wenn sie ihre Tochter auf der Krebsstation besucht.

„So wenig Held wie ich ist sonst niemand. Ich bin nicht freiwillig in diesen Krieg gezogen. Die Leukämie, diese blöde Sau, hat mich zwangsrekrutiert.“ (Seite 62)

A. J. Betts hat die unterschiedlichen Emotionen in Bezug auf diese heimtückische Krankheit und das Umgehen mit dieser mit vielen Facetten beschrieben, was mir sehr gut gefallen hat. Denn jeder Mensch ist anders und geht auch anders mit einer solch schweren Situation um. Ein schöner und großer Pluspunkt des Buches.

Die sich anbahnende Liebe zwischen Zac und Mia geht langsam vonstatten. Alles beginnt mit einer Freundschaftsanfrage auf Facebook. Mitten in der Nacht – meist gegen 3 Uhr morgens, wenn beide nicht schlafen können – chatten sie miteinander und tauschen so ihre Gedanken und Gefühle aus. Der weitere Verlauf ist keineswegs vorauszuahnen. Die Autorin hat für ihre Protagonisten ebenso viele Glücksmomente wie Rückschläge im Gepäck, und die Liebe von Zac und Mia scheint schon an ihrem Ende angekommen zu sein, bevor sie sich überhaupt vollends entfalten konnte.

„Ob ihr Haar wohl nachgewachsen ist? Ist sie letztendlich im Rollstuhl auf dem Ball gewesen? Schaut sie nach vorn, wie es sein sollte? Lacht und flirtet sie, wenn sie am Wochenende ausgeht? Ist sie inzwischen stolz auf ihre Narbe und zeigt sie jedem? Hat sie mich vergessen, so wie es sein sollte? Genauso wie ich sie vergessen sollte?“ (Seite 130)

Mit der Unterteilung in drei Teile – Zac und Mia – gibt A. J. Betts ihrem Buch Struktur. Denn zunächst erfährt der Leser von Zac, was passiert. Im Mittelteil wechseln sich die beiden mit ihren Schilderungen ab. Und zum Schluss richtet Mia das Wort an die Leser. So kommt keiner von den beiden zu kurz und man hat als Leser kaleidoskopartige Gefühle vor sich, die allesamt ziemlich realistisch wirken – mit all ihren Licht- und Schattenseiten.

Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe ist absolut schön zu lesen. Die Autorin hat für ihre Protagonisten die richtige Sprach- und Ausdrucksweise gefunden. Für eine Geschichte, die ein so schwieriges Thema behandelt, ist sie angenehm zu lesen, da die Autorin nicht mit aller Kraft auf die Tränendrüse drückt. Ganz am Ende allerdings, bahnten sich dann doch ein paar Tränchen ihren Weg. Damit konnte ich aber gut leben und es passte zu der Situation.

Fazit? Einfach ein tolles, absolut lesenswertes Buch!

„Wenn ein Tier sich am heftigsten wehrt und um sich tritt, muss man es ganz besonders eng an sich drücken.“ (Seite 291)

5

 


[Rezension] Die Seiten der Welt | Kai Meyer

1 Buch - 2 MeinungenDie Seiten der Welt
 
Titel: Die Seiten der Welt
Autor: Kai Meyer
Seitenzahl: 560 Seiten
Genre: Jugendbuch,  ab 14 Jahren
Verlag: Fischer FJB
ISBN: 978-3-8414-2165-4
Veröffentlichung: 25. September 2014
Leseprobe
»Kaufen«
 
Zum Inhalt:

Furia Salamandra Faerfax lebt in einer Welt der Bücher. Der Landsitz ihrer Familie birgt eine unendliche Bibliothek. In ihren Tiefen ist Furia auf der Suche nach einem ganz besonderen Buch: ihrem Seelenbuch. Mit ihm will sie die Magie und die Macht der Worte entfesseln.
Doch dann wird ihr Bruder entführt, und Furia muss um sein Leben kämpfen. Ihr Weg führt sie nach Libropolis, die Stadt der verschwundenen Buchläden, und an die Grenzen der Nachtrefugien. Sie trifft auf Cat, die Diebin im Exil, und Finnian, den Rebellen. Gemeinsam ziehen sie in den Krieg – gegen die Herrscher der Bibliomantik und die Entschreibung aller Bücher. (© Fischer FJB)

Meinung SaCre:

„Zwischen all den Papieren und Büchern fand sie schließlich, was sie suchte. Ein schmales Leszeichen aus Pappe, nur mit einem einzigen Wort bedruckt: Libropolis. Als sie mit der Fingerspitze darüberfuhr, war es, als wimmelten Flöhe unter ihrer Haut. Das Ding mochte unscheinbar aussehen, aber es war bis in die letzte Faser von bibliomantischer Energie erfüllt.“ (Seite 120)

Ich muss sagen, dass ich bisher noch kein Buch von Kai Meyer gelesen habe. Daher habe ich mich umso mehr auf „Die Seiten der Welt“ gefreut.

Schnell gelingt der Einstieg in die Geschichte um Furia  und ihrem Seelenbuch. Und sofort merkt man: der Autor hat sich hier richtig was einfallen lassen! Das Seelenbuch ist eine tolle Sache, dann gibt es diese putzigen Origami-Tierchen  – ich möchte auch so eins zuhause haben! :)
Zu Beginn erfährt man recht viel über Furias Familie, die Faerfax‘, und deren Bezug zu Büchern.

Die Welt, die Kai Meyer entworfen hat, ist unglaublich detailliert beschrieben und für mich sehr einzigartig. Alles dreht sich um Bücher. Und so hat er einen tollen Plot gestrickt, zu dem auch die Nebencharaktere passen. Das ganze Weltbild ist einfach stimmig.

Für mich persönlich ist die Geschichte aber an manchen Stellen etwas ausgeufert. Hier und da hätte ich mir eine etwas straffere Erzählung gewünscht, etwas weniger „Drumrumerzählen“ und dafür mehr „Vorankommen“. Einige Passagen haben sich für mich etwas in die Länge gezogen. Aber das ist einfach mein persönliches Empfinden.
Die Aufmachung des Buches finde ich einfach wunderschön und sehr passend. Dazu auch die großartige Kampagne des Fischer Verlages.

„Bibliomanten hatte diese Stadt für Bibliomanten erschaffen. Wer ein Seelenbuch trug, hatte unbeschränkten Zutritt, durfte nach Herzenslust in den übervollen Antiquariaten stöbern oder neue Bücher erwerben, die anderswo nicht erhältlich waren.“ (Seite 174)

„Die Seiten der Welt“ ist mein erstes Buch von Kai Meyer, aber mit Sicherheit nicht mein letztes. Der Autor kann mit einer toll inszenierten Welt, die sehr gut durchdacht ist, punkten und so für bibliomantische Lesestunden sorgen!

Von mir gibt es knappe 4 Herzen für Kai Meyers „Die Seiten der Welt“.

4

PS: heute ist definitiv SaFi für den längeren Part der Rezi zuständig :D

Meinung SaFi:

Neue Bücher von Kai Meyer gehören für mich mittlerweile zum Lese-Pflichtprogramm – „Asche und Phönix“ fand ich toll und mit „Phantasmen“ hat der Autor sich auf die Liste meiner Lieblingsautoren geschrieben. Auf „Die Seiten der Welt“ habe ich mich daher natürlich sehr gefreut.

„Das Blatt teilte sich, spaltete sich in einer Vorder- und eine Rückseite, die an Furias Handflächen hafteten. Dazwischen wurde ein Leuchten sichtbar, ein goldener Schein, dessen Intensität ihre Erwartungen bei weitem übertraf. Er strahlte aus der Bindung herauf, griff auf die Oberflächen des Seitenherzes über und machte dort eine zweite Beschriftung sichtbar.“ (Seite 280)

Unterhaltungstechnisch hat „Die Seiten der Welt“ ganz schön viel zu bieten – spannungsgeladene Szenen, gut geschriebene Dialoge und eine Menge Stoff zum Rätsel raten. Nach einem ruhigen Start, der aber alles andere als langweilig ist (man lernt ein bisschen was über die Bibliomantik, die Familie Faerfax und deren Bibliothek), wird es mit einem Mal richtig spannend. Und auf den vielen folgenden Seiten wird man dann so manches Mal überrascht. Sei es durch die Unvorhersehbarkeit der Dinge, den Einfallsreichtum des Autors oder durch neue Entdeckungen.

Kai Meyers Einfallsreichtum, der mich bislang immer völlig faszinieren konnte, nimmt mit seinem neuen Buch neue Dimensionen an. Direkt auf den ersten Seiten laufen einem Origami-Vögel, Ypsilonzett und ein Schimmelrochen über den Weg. Im weiteren Verlauf tummeln sich auf den Seiten des Buches dann immer mehr Figuren, die ihresgleichen suchen – Mater Antiqua, die Umgarnte, diverse Exlibri und noch viele mehr.

Die Grundidee der Geschichte finde ich einfach phantastisch. „Die Seiten der Welt“ ist nicht bloß ein Buch über Bücher. Mit der Zeit wird klar, dass hinter der Grundidee ein solides und gut durchdachtes Gerüst steht, dem absolut tolle Ideen zugrunde liegen. Man wandelt auf vielen Pfaden durch das Buch, und diese Pfade haben so manche Abzweigung. Wenn man aber die Augen offen hält, ist die Gefahr des Verlaufens aber verschwindend gering.

„Ungewöhnlich war die fleckige Rinde der Stämme und Wurzelranken, und als Furia sich vorbeugte und genauer hinsah, entdeckte sie, dass das Holz übersät war mit Buchstaben. Sie hatten sich durch das Wachstum der Bäume verzogen wie eingeritzte Initialen von Liebespaaren, hatten sich aufwärts in die Längegestreckt oder bildeten bizarre Wellenmuster. Dennoch war nicht zu übersehen, dass es sich um gedruckte Zeilen handelte, ganze Buchseiten, nicht aufgeklebt wie auf einer Litfasssäule, sondern eingewachsen in die Oberflächen der Baumriesen.“ (Seite 326/327)

Die Geschichte der Bibliomantik ist wunderbar in die eigentliche Geschichte integriert. Man erfährt aus allen Richtungen etwas über die Ursprünge und die Entwicklung, die immer mal wieder durch Intrigen und Missgunst in höchster Gefahr war. Alles das bildet mit den Geschehnissen im Hier und Jetzt ein rundes Gesamtpaket, das das mein Leserherz absolut gewinnen konnte.

Sehr gefallen hat mir, dass der Autor darauf verzichtet hat, seine Hauptprotagonistin Furia durch die ständig wechselnden Gefühle einer typischen Jugendbuch-Liebe irren zu lassen. Eine kleine Liebesgeschichte gibt es zwar, aber diese gestaltet sich eher zurückhaltend und Furia kann sich voll und ganz auf die vor ihr liegenden Aufgaben konzentrieren.

Furia Salamandra Faerfax ist eine tolle Protagonistin, die das Buch und die Geschichte, die auch die ihre ist, ohne Probleme tragen kann. Mit der Unterstützung von Cat und Finnian geht sie über ihre Grenzen hinaus, kämpft für das, was ihr wichtig ist und macht eine stetige Entwicklung durch – von der harmlosen Buchliebhaberin zur mutigen Kämpferin für die gute Sache.

„Wieder spürte sie tief in sich einen Schmerz, den wohl nur Bibliomanten in solch einer Intensität empfinden konnten: Das Buch in ihren Händen und das Exemplar ihrer Mutter würden unwiederbringlich verloren sein, wenn sie sie für den Sprung genutzt hatten.“ (Seite 471)

„Die Seiten der Welt“ ist eines dieser Bücher, das ich mir total gut auf der großen Leinwand vorstellen kann. Während des Lesens hatte ich so viele Bilder vor Augen, stellte mir dies und das vor, überquerte mit Furia den Zugang zu Libropolis… Bereits nach wenigen Seiten wusste ich, dass ich „Die Seiten der Welt“ lieben werde. Und so ist es dann schlussendlich auch gekommen. Buchliebe deluxe.

5

 Interview mit Kai Meyer zu „Die Seiten der Welt“ – Teil 1Teil 2

 


[Rezension] Letztendlich sind wir dem Universum egal | David Levithan

1 Buch - 2 MeinungenLetztendlich sind wir...

Titel: Letztendlich sind wir dem Universum egal
Autor: David Levithan
Original Titel: Every Day
Seitenzahl: 400 Seiten
Verlag: Fischer FJB
ISBN: 978-3-8414-2219-4
Veröffentlichung: 27. März 2014
Leseprobe
>>Kaufen<<
 

Zum Inhalt:

Jeden Morgen wacht A in einem anderen Körper auf, in einem anderen Leben. Nie weiß er vorher, wer er heute ist. A hat sich an dieses Leben gewöhnt und er hat Regeln aufgestellt: Lass dich niemals zu sehr darauf ein. Falle nicht auf. Hinterlasse keine Spuren.
Doch dann verliebt A sich unsterblich in Rhiannon. Mit ihr will er sein Leben verbringen, für sie ist er bereit, alles zu riskieren – aber kann sie jemanden lieben, dessen Schicksal es ist, jeden Tag ein anderer zu sein?
Wie wäre das, nur man selbst zu sein, ohne einem bestimmten Geschlecht oder einer bestimmten Familie anzugehören, ohne sich an irgendetwas orientieren zu können? Und wäre es möglich, sich in einen Menschen zu verlieben, der jeden Tag ein anderer ist? Könnte man tatsächlich jemanden lieben, der körperlich so gestaltlos, in seinem Innersten aber zugleich so beständig ist?

Meinung SaCre:

 Ich habe das Buch aufgeschlagen, und sofort war ich mitten im Geschehen, mitten in der Welt von A. Und diese Welt ist alles andere als normal. Jeden Morgen ein anderer Körper, ein anderer Name, eine andere Geschichte an die A sich gewöhnen musste – und ich ebenso. Doch das fiel mir alles andere als schwer. Autor David Levithan hat es geschafft, mich geschickt an die Hand zu nehmen und mich sicher durch As Leben und diese Geschichte zu führen.

„Jeden Tag bin ich jemand anders. Ich bin ich – so viel weiß ich – und zugleich jemand anders.
Das war schon immer so.“ (Seite 7)

Früh lernt A die junge Rhiannon kennen – und sofort war es um ihn geschehen. Das schüchterne Mädchen hat es ihm angetan und schon handelt er gegen all seine Prinzipien und überlegt sich, wie er sie möglichst schnell wiedersehen kann. Man kann hier auch nicht von einem Protagonisten sprechen. Eigentlich kann man nicht von EINEM Protagonisten sprechen, denn jeder Tag hat eine andere Hauptperson. Doch ist man real, wenn man keinen festen Körper hat? Auch der Ausdruck „wahre Schönheit kommt von innen“ bekommt in dieser Geschichte eine ganz andere Bedeutung.
Rhiannons erstes Treffen mit A findet statt, als dieser im Körper ihres Freundes aufwacht. Er gestaltet den Tag ganz anders, als sie es gewohnt ist. Und tief in sich drin spürt sie, dass irgendetwas anders ist.
Als A ihr irgendwann offenbart, was mit ihm los ist, ist Rhiannon skeptisch. Doch sie hört auf ihr Gefühl und handelt im Laufe der Geschichte entsprechend. Zwischen den beiden entwickeln sich Gefühle, die eigentlich nicht vorhanden sein dürften und die – rational betrachtet – keine Zukunft haben. Doch der Autor hat es geschafft, hier eine glaubwürdige und schöne Liebesgeschichte zu stricken, die sich in die seltsame Welt von A einfügt.
Auch die anderen Personen, die sich im Buch tummeln, sind interessant und in kurzer Zeit vom Autor sehr gut beschrieben..

„Kein Leben ist real, wenn niemand um seine Realität weiß. Und ich will, dass mein Leben real wird.
Wenn ich mich an mein Leben gewöhnt habe, kann jemand anders das vielleicht auch?

Wenn sie an mich glaubt, wenn sie das Ungeheuerliche genauso spürt wie ich, wird sie auch die Geschichte glauben.“ (Seite 117)

Der Verlauf der Geschichte hat mich überrascht. Auf durchgängig hohem Unterhaltungs- und Spannungsniveau flogen die Seiten durch meine Hände. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Immer wieder wollte ich wissen, in welchem Körper und welchem Leben A als nächstes aufwacht und wie es mit ihm und Rhiannon weiter geht. Der tolle Schreibstil des Autors hat erheblich dazu beigetragen. Immer wieder bin ich über Sätze gestolpert, die mich zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken gebracht haben (im positiven Sinne).

Zwei kleine Kritikpunkte habe ich allerdings. Das Ende war mir etwas zu seltsam. Die Geschichte mit dem Pfarrer erschien mir zu überdreht und war für mich nicht mehr so glaubwürdig, wie der Plot bis dahin war.
Als „stand alone“ finde ich das Buch umwerfend. Doch der Autor hat schon für 2015 das Sequel in Planung. Die Geschichte soll dann aus Rhiannons Sicht erzählt werden. Das trübt meinen Eindruck ein wenig.

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ ist eine unglaubliche Liebesgeschichte der anderen Art. David Levithan lotst die Leser auf einer fantastischen Entdeckungsreise in ein scheinbar weit entferntes Universum, das doch allzu real ist.

„Wenn man ins Universum starrt, ist sein Mittelpunkt nur Kälte. Und Leere. Letztendlich sind wir dem Universum egal. Dem Universum und der Zeit.
Deswegen dürfen wir einander nicht egal sein.“ (Seite 392)

4,5

Meinung SaFi:

Ziemlich schnell war ich ziemlich überrascht. Im meinem Kopf spukten Gedanken an eine SiFi-Geschichte rum – vor dem Lesen. Nachdem ich dann ein paar Seiten gelesen hatte, staunte ich auf einmal nicht schlecht: „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ ist eine geschickt getarnte Liebesgeschichte. Natürlich ist das Buch aufgrund der Umstände, die das Leben von A bestimmen andere als „normal“, doch die wunderbar gefühlvollen Dialoge zwischen A und Rhiannon machen es eindeutig zu einer Liebesgeschichte.

„Gestern war ich ein Mädchen aus einem Ort, der schätzungsweise zwei Stunden von dem hier entfernt liegt. Vorgestern war ich ein Junge und lebte noch mal drei Stunden weiter weg. Schon jetzt vergesse ich, was die beiden im Einzelnen ausgemacht hat. Das muss ich, sonst weiß ich endgültig nicht mehr, wer ich bin.“ (Seite 10)

A als Hauptcharakter hat mir sehr gut gefallen. Als Leser lernt man ihn, sein Leben und die Umstände, die es so besonders und außergewöhnlich machen, von Anfang an gut und mit der Zeit immer besser kennen. Verständnisschwierigkeiten kommen so nicht auf.

Die Entwicklung von A im Laufe der Geschichte hat David Levithan gut durchdacht und überzeugend zu Papier gebracht. A hat mit der Zeit feste Regeln für sich aufgestellt, um sein und auch das Leben derer, in dessen Körper er jeden Morgen aufwacht, nicht auf den Kopf zu stellen und keine Katastrophen in den geliehenen Leben anzurichten. Ab dem Zeitpunkt, wo er Rhiannon kennenlernt, beginnen seine Vorsätze zu bröckeln. Dank der passen gewählten Worte des Autors und den nachvollziehbaren Gedankengängen von A habe ich zu keinem Zeitpunkt an As Handlungen gezweifelt.

„Ich will bleiben.
Ich bete darum, zu bleiben.
Ich schließe die Augen und wünsche mir, zu bleiben.“ (Seite 41)

Aber auch Rhiannon ist ein toller Charakter, die sich ebenfalls mit der Zeit entwickelt. Anders zwar, als A, doch auch sie wirft einiges über Bord, um an das Unmögliche glauben zu können. Levithan hat mit A und Rhiannon zweifelsohne starke Charaktere ins Rennen geschickt, die keinerlei Problem haben, diese Geschichte zu tragen.

Dem Plot mangelt es für meinen Geschmack an nichts. Auf den 400 Seiten kommt zu keiner Zeit auch nur ansatzweise Langeweile auf – durch eine unbedachte Tat von A wird es mit einem mal sogar richtig spannend. Insgesamt ist die Geschichte von A sehr abwechslungsreich und lädt auch zum Nachdenken ein.

„Gleich wird sich alles ändern, und ich fürchte, eines Tages werde ich mich nach genau dieser Minute sehnen, in der noch nichts ausgesprochen ist, werde die Zeit zurückdrehen und ungeschehen machen wollen, was jetzt kommt.“ (Seite 118)

Mit der Zeit verändert sich im Gleichschritt zu As Gefühlen und Gedanken auch der Einstieg in die Kapitel – während es vor Rhiannon darum ging, so schnell wie möglich zu erfahren, wer A heute ist, wird mit der Zeit immer wichtiger, wie weit er beim Aufwachen von ihr entfernt ist. Ein schönes Stilmittel, um die immer tiefer werdenden Gefühle schriftlich auszudrücken.Und das Ende ist einfach was fürs Herz und bestens dafür geeignet, das eine oder andere Tränchen zu vergießen.

Für „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ die richtigen Worte zu finden, ist nicht einfach. In eine Schublade stecken lässt es sich erst recht nicht, denn es steckt so viel mehr in diesem Buch, als man vielleicht denken mag. Ich bin absolut begeistert und spreche eine klare Leseempfehlung aus.

»Wie heißt du heute?«
»A. Für dich immer A.« (Seite 218)

5

Nachtrag, 05.04.2014: es gibt ein Bonuskapitel. :)
http://www.fischerverlage.de/Levithan_E-Book-Extra.pdf


[Rezension] Verdammt gute Nächte | Kathrin Schrocke

1 Buch - 2 MeinungenVerdammt gute Nächte_Artikelbild

Titel: Verdammt gute Nächte
Autor: Kathrin Schrocke
Seitenzahl: 208
Verlag: Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-6713-4
Veröffentlichung: 20. Februar 2014
Leseprobe
>>Kaufen<<

Zum Inhalt:

Seit wann muss Liebe einen Sinn ergeben?
Jojo ist 15 und zählt zu den einsamsten Geschöpfen auf diesem Planeten. Sein Freund Michael steht auf schlechte Pornos, sein Freund Sushi ist ein adoptierter Japaner und Musterschüler, und seine erste große Liebe Lilli ist – seit einem Monat mit Michael zusammen. Dann taucht plötzlich Puma auf. Sie ist hübsch, cool, witzig und fährt einen roten Alfa Romeo Spider. Aber das Wichtigste ist: Sie nimmt ihn ernst. Die Sache hat nur einen Haken: Puma ist doppelt so alt wie er … (Quelle: http://www.fischerverlage.de)

Meinung SaCre:

„Was bitte hatte das mit den Infos aus dem Aufklärungsunterricht zu tun? Es musste irgendwo noch stinknormalen Sex geben. Ein Mann, eine Frau. Ein multipler Orgasmus.“ (Seite 11)

Es ist ein heikles Thema, mit dem die Autorin Kathrin Schrocke sich hier auseinandersetzt. 

Jojo mit seinen knapp 16 Jahren hat Probleme, wie Jugendliche sie heute haben. Er ist noch Jungfrau. Und die Jungs reden ganz schön viel über Sex. Michael besonders; für ihn scheint es nur um Pornos, nackte Frauen und Geschlechtsverkehr zu gehen.
Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass Jojo sich etwas unter Druck gesetzt fühlt. Und als ihm immer wieder die Gedanken an Sex kommen, ist er damit etwas überfordert.
Als Puma, die Freundin seiner Mutter bei ihnen einzieht, beginnt der Jugendliche immer mehr an sie zu denken, und weniger an die Mädels in seinem Alter. Dieser Prozess ist schleichend und von der Autorin gut dargestellt.
Sushi, der andere beste Freund von Jojo, ist da anders. Er ist von Natur aus eher zurückhaltend. Und er sieht Jojos Schwärmereien für Puma von Anfang an kritisch. Er versucht sogar, ihm das auszureden. Während Michael Jojo in alter Draufgängermanier nur noch weiter anstachelt.

Überhaupt hat die Geschichte mich mit realistischen Charakteren und Dialogen überzeugen können. Das Herangehen der Autorin ist relativ sensibel. Die Eltern von Jojo hat sie sehr hilflos gezeichnet. Da habe ich mich gefragt, ob die Eltern im wahren Leben sich ebenso dieser Hilflosigkeit hingeben würden. Doch das kann ich mir persönlich nicht vorstellen.

„>>Das ist strafbar!<<, wiederholte Sushi. Er schien gerade eine Art juristisches Tourettesyndrom zu entwickeln.“ (Seite 138)

Es gibt eine große Schlüsselszene im Verlauf der Geschichte. Und hier komme ich wirklich ins Grübeln, ob das tatsächlich für 14jährige geeignet ist. Wir haben viel und kontrovers über diese Szene diskutiert und wie die Geschichte danach weiter läuft. Aber kann die Zielgruppe das tatsächlich auch so umsetzen? Ich muss ehrlich sagen, dass ich das bezweifle. Von daher sehe ich die Einstufung der Altersempfehlung als kritisch. Ich würde das Buch keinem unter 16 Jahren empfehlen.

Für mich hat die Autorin das Thema gut behandelt. Sie erzählt hier eine interessante Geschichte, die jede Menge Stoff zum Diskutieren gibt. Um ehrlich zu sein, habe ich im Voraus mit etwas mehr sexuellen Handlungen gerechnet. Ich bin aber sehr froh, dass das nicht so eingetroffen ist!
Die Story ist gut erzählt, auch das Dilemma, in dem Jojo steckt, wurde mir gut vermittelt. Was ich von dem Ende halten soll, weiß ich auch immer noch nicht so richtig. Das wird wohl auch noch eine Weile dauern.

Ich überlege auch gerade, wie ich meine Empfehlung formulieren soll. Wem kann ich dieses Buch, das mir gut gefallen hat, empfehlen? Und warum kann ich es empfehlen? Schwierig. Es ist nicht unbedingt als „leichte Kost“ zu betiteln. Und auch nicht für unter 16jährige – eine gewisse Reife sollte der (jugendliche) Leser schon haben. Und Eltern? Hm, wollen die wirklich solch ein Szenario vor Augen haben? Ich bin kinderlos, Anfang 30, mir hat es gefallen – jetzt dürft ihr euch daraus was zusammen basteln. :)

Ich gebe der Autorin für ihr Werk 4,5 Herzen!

„Ich wollte wissen, warum sie ihren Mann verlassen hatte.
Ich wollte wissen, was sie beruflich machte.
Ich wollte wissen, warum sie so ein teures Auto fuhr.
Ich wollte wissen, weshalb sie ständig diese uralten T-Shirts aus dem letzten Jahrhundert trug, anstatt sich Klamotten für Frauen ihres Alters zu kaufen.
Ich wollte wissen, warum sie an einem Samstagabend mit mir in der Küche eines alten Forsthauses saß und gemeinsam mit mir kochte.“ (Seite 62)

4,5

Meinung SaFi:

Vor dem Lesen hatte ich eigentlich keine richtige Ahnung, was mich in diesem Buch erwarten würde. Der Inhalt klang für mich sehr interessant und ich war gespannt, wie Kathrin Schrocke dieses brisante Thema umsetzen würde. Nach dem Lesen bleibe ich leider zwiegespalten zurück. Während der ersten Hälfte des Buches war meine Lesewelt noch in Ordnung und ich genoss den tollen Stil der Autorin und die Geschichte, die sie zu Papier gebracht hat. Doch dann kam die Wende – mit einem großen Knall. In der Geschichte und auch bei meinem Lesegefühl. Ich möchte zwar nicht sagen, dass ich schockiert gewesen bin, aber mein Gemütszustand kam da schon recht nah dran.

„Ich sehnte mich nach jemandem. Nach jemandem, dem ich etwas bedeutete. Der mir etwas bedeutete.“ (Seite 14)

Zuerst lernt man Jojo, seine Freunde, Familie, Gedanken und Probleme kennen. Jojos Charakter ist toll gezeichnet. Man merkt ziemlich deutlich, dass ihm was fehlt. Und auch, was ihm fehlt. Seine Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe und Aufmerksamkeit ist die ganze Zeit über mehr als greifbar. Auch, wenn Jojo das nur dem Leser erzählt. Seine Eltern und Freunde scheinen nicht zu ahnen, was in ihm vorgeht, da er nach außen hin wie der typische, 15-jährige Junge wirkt. Über sein wahres Seelenleben weiß nicht mal er so wirklich Bescheid, hatte ich manchmal das Gefühl. Doch dann trifft er auf Puma. Und mit einem Mal wird ihm klar, was er will: Puma.

Die Erwachsenen in „Verdammt gute Nächte“ haben mich größtenteils den Kopf schütteln lassen – immer wieder. Jojos Eltern wirkten auf mich lustlos, sich mit der Thematik/Problematik beschäftigen zu wollen, nachdem sie davon erfahren haben. Anfangs dachte ich noch, dass sie vielleicht nicht wissen, wie sie mit ihrer Hilflosigkeit umgehen sollen. Doch gegen Schluss des Buches verbannte ich diesen Gedanken aus meinem Kopf. Gerade das Verhalten von Jojos Mutter konnte ich nicht mal ansatzweise nachvollziehen. Pumas Verhaltensweise bleibt da außen vor, da ich über sie leider viel zu wenig erfahren habe, um eine konkret begründete Meinung von ihr haben zu können. Mal abgesehen davon, dass sich eine erwachsene Frau nicht so verhalten darf, wie ich finde.

An sich finde ich es immer gut, wenn Bücher – auch Jugendbücher – Tabuthemen behandeln, Stoff für Diskussionen liefern und zum Nach- und evtl. auch Umdenken anregen. Doch bei „Verdammt gute Nächte“ wurde das brisante Thema an manchen Stellen – für meinen Geschmack – leider ein wenig zu brisant umgesetzt.

„Meine Knie wurden weich, und für einen Augenblick fühlte es sich an, als würde ich schweben. Ich war nicht mehr im Garten am Rande unseres Dorfs. Ich befand mich in einer gänzlich anderen Galaxie. Hier galten die Gesetze der Erde nicht. Es gab keine Schwerkraft, es gab keine Grenzen. Ich bewegte mich schwerelos durch Raum und Zeit. Puma, meine Weltraumgefährtin, hielt ich fest an den Händen.“ (Seite 121)

Um ehrlich zu sein, kann ich mir nicht vorstellen, dass Jugendliche im Alter von 14 Jahren wirklich wissen, wie mit dem Gelesenen währenddessen und auch im Nachhinein umgehen sollen und was die Botschaft in diesem Buch für sie sein soll. Selbst ich weiß das mit meinen 31 Jahren nicht wirklich… Ich weiß nicht, was mir dieses Buch sagen soll. Das es mir sagen soll, ist für mich klar. Nur was, weiß ich leider nicht.

Vielleicht geht es in diese Richtung: Meine Grundhaltung zu diesem Thema ist glasklar. Und daran hat sich nach diesem Buch auch nichts geändert. Und doch hat Kathrin Schrocke es geschafft, dass viele Gedanken und Aspekte zu diesem Thema kreuz und quer durch meinen Kopf schießen. Darunter auch ein paar, die vorher vielleicht noch nicht da waren.

„Verdammt gute Nächte“ ist kein „typisches“ Jugendbuch. Kathrin Schrocke nimmt sich darin eines Tabuthemas an, dessen Umsetzung mich leider nicht vollends überzeugen konnte. Dennoch ist das Buch absolut lesenswert und lädt zum Nachdenken und Diskutieren ein.

3,5SaFi


[Rezension] Für immer Ella und Micha | Jessica Sorensen

1 Buch - 2 MeinungenFür immer Ella und Micha_Artikelbild
 
Titel: Für immer Ella und Micha (Ella und Micha 2)
Autor: Jessica Sorensen
Seitenzahl: 352 Seiten
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-41773-1
Veröffentlichung: 13. Januar 2014

Zum Inhalt:

Während Micha sich einen Traum erfüllt und mit seiner Band auf Tour geht, ist Ella ans College zurückgekehrt. Sie sehnt sich nach Micha, aber in letzter Zeit sind die gemeinsamen Momente selten geworden. Zugleich machen die Abgründe in ihrer Familie es Ella schwer, an ihr Glück zu glauben. Sie will Micha auf jeden Fall davor schützen, und eines Tages trifft sie eine radikale Entscheidung, die sie für immer von ihm entfernen könnte.

Meinung SaCre:

„Ich lächle, aber es  fühlt sich unecht an. Die Leute machen fast nie absichtlich Dinge, mit denen sie andere verletzen, und trotzdem passieren sie eben, weil ein Moment besonders intensiv wird, weil man nicht nachdenkt oder weil man schlicht Worte ausspricht, die besser im Kopf geblieben wären.“ (Seite 47, Ella)

Der zweite Teil setzt nahezu nahtlos an das Ende des ersten Buches an.
Ella ist wieder am College und geht dort ihrem Alltag nach. Micha ist unterwegs und tourt mit der Band. Er ist weit weg von seiner Freundin, und beide können sich nur an Wochenenden sehen.
Was zunächst auffällt: die beiden sind immer noch total abhängig von einander. Ella kann nicht ohne Micha, Micha kann nicht ohne Ella. Man merkt beiden an, dass sie unter der Trennung leiden. Doch natürlich möchte auch jeder seinen Träumen nachgehen. So sind Telefonate kostbar, Treffen nahezu unbezahlbar. Und da tut Ella auch mal alles, um Micha spontan besuchen zu können und ihn wenigstens ein paar Stunden zu sehen.

Tja, und es könnte alles so einfach sein. Wäre da nicht die jeweilige Vorgeschichte der beiden – mit all den Problemen, denen sie während Kindheit und Jugend ausgesetzt waren. Vorallem Ella ist ein weiterhin sehr komplizierter und komplexer Charakter. Oft handelte sie für mich irrational. Doch wenn man über ihr Wesen nachdenkt, haben die Verhaltensweisen wieder gepasst.

Es ist wieder ein totales Up & Down zwischen den beiden. Sie lieben, sie streiten, sie können nicht ohne einander, sie können aber auch nicht miteinander reden. Das gehört zu den beiden dazu und macht sie zu einem perfekten Paar. Trotz allem wirkte die Beziehung für mich reifer – und ich war nicht mehr so genervt von beider Abhängigkeit.
Durch den Schreibstil der Autorin lässt sich die Geschichte gut und zügig lesen. Im Großen und Ganzen bin ich mit dem Verlauf der Story auch absolut einverstanden. Allerdings hätte ich auch mit einem anderen Schluss leben können. :)

„Wenn sie so weit ist, wird sie es mir sagen. Das hoffe ich zumindest. Aber was ist, wenn sie es nicht tut? Was ist, wenn Ich mein Leben lang einem Geist nachjage?“ (Seite 117, Micha)

Mir hat dieser Teil besser gefallen, als der erste.  Die Geschichte hat mich gut unterhalten, auch wenn die Liebe oft von schwermütigen und melancholischen Gedanken begleitet wird. Daher vergebe ich hier runde

4

Meinung SaFi:

Es beginnt wieder mit einer Brücke. Und wieder steht Ella auf dieser Brücke. Doch diesmal sind die Vorzeichen andere… Denn Ella und Micha sind nun ein Paar. Nach vielen Ups & Downs, nach vielen Worten und Gedanken. Doch so einfach genießen können sie ihr frisches Liebesglück nicht: Ella ist wieder am College, Micha tourt mit seiner Band. Sie sehen sich kaum und vermissen den anderen sehr. Zudem nagen an Ella auch starke Zweifel, ob sie Micha – mit all ihren Problemen – wirklich glücklich machen kann.

„Ich wache in einem stillen Zimmer auf, Ella in meinen Armen und ihren nackten Körper an meinem. Wäre es doch möglich, jeden Morgen so aufzuwachen! Doch dafür müsste einer von uns etwas Wichtiges aufgeben.“ (Seite 54)

Die Emotionen nehmen selbstverständlich wieder einen großen Teil des Buches in Anspruch. Doch Kitsch sucht man vergeblich. Jessica Sorensen hat die Geschichte von Ella und Micha so zu Papier gebracht, dass das Gelesene real wirkt. „Für immer Ella und Micha“ kommt ein wenig erwachsener/reifer daher als noch der erste Teil, denn Ella und Micha entwickeln sich. Langsam zwar und durchaus auch mit Rückschlägen, aber stetig. Die große Frage in diesem Buch: Haben Ella und Micha eine gemeinsame Zukunft? Auf beiden lastet noch immer die schwierige Vergangenheit und sie müssen einen Weg finden, damit umgehen zu können.

Das ewige Hin und Her in der Beziehung der beiden (egal ob nun als Freunde oder als Paar), vor allem von Ella, kann einen durchaus nerven. Für mich gehört dieses Verhalten aber zu Ella und zu dieser Geschichte. So ist sie nun mal und das hat auch seine (schrecklichen) Gründe. Und ohne diese Verhaltensweisen von Ella wäre die Geschichte von Ella und Micha nicht die, die ich gelesen habe. Und wahrscheinlich hätte ich sie dann auch nicht so sehr gemocht. Denn die Charaktere von Jessica Sorensen sind das große Plus der Bücher. Sie sind kompliziert aber auch so unglaublich liebevoll und voller Leben.

„Ich will, dass er mich genauso sehr hasst wie ich mich hasse.
Auf diese Weise kann ich ihn nicht mit mir in den Abgrund reißen. (Seite 89)“

Der Stil der Autorin sorgt für kurzweilige Unterhaltung. Ella und Micha geben sich in der Erzählung die Klinke in die Hand. So wird die Geschichte lesetechnisch ein wenig aufgelockert und man lernt beide gut bzw. besser kennen. Auch die anderen Charaktere kommen dem Leser ein wenig näher. Was auch ganz gut ist, denn zwei von ihnen werden im dritten Teil der Ella und Micha-Reihe die Hauptrollen spielen: Lila und Ethan.

Was meine Lesefreude ein wenig getrübt hat, war der Titel des Buches – egal ob deutsch oder englisch. Ich habe mich darauf gefreut wieder eine Achterbahnfahrt der Gefühle zu lesen, mit Ella und Micha leiden und lieben zu können. In diesen Genuss bin ich zwar gekommen, doch immer wenn eine der vielen Tiefen auf dem Plan stand und ich Angst hatte, dass nun gleich alles aus und vorbei sein könnte, spukte im meinem Kopf der Gedanke rum, dass vorne auf dem Cover „Für immer“ bzw. „The Forever“ steht. Für mich eine Botschaft, dass am Ende alles gut ausgehen wird… So konnte ich nicht ganz so sehr mitfühlen, wie ich es mir gewünscht hatte.

„Er hebt den Kopf und sieht mich an. Als seine Lippen wieder auf meinen sind, geht es nicht um Lust oder Verlangen oder sonst was. Es geht darum, dass wir einander vervollständigen. (Seite 306)“

Im Großen und Ganzen hat mir „Für immer Ella und Micha“ genauso gut gefallen wie „Das Geheimnis von Ella und Micha“. Das Buch ist eine wunderbare, bitter-süße Lovestory von zwei jungen Erwachsenen, die auf der Suche nach sich selbst sind und einen Weg finden müssen, mit der Vergangenheit abzuschließen.

4,5

••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••
Die „Ella und Micha“-Reihe:

1. „Das Geheimnis von Ella und Micha“ (11.11.13)
2. „Für immer Ella und Micha“ (13.01.14)
3. „Verführt. Lila und Ethan“ (14.07.14)
••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••


[Rezension] Brixton Hill | Zoë Beck

1 Buch - 2 MeinungenBrxton Hill_Artikelbild

Titel: Brixton Hill
Autor: Zoë Beck
Seitenzahl: 384 Seiten
Verlag: Heyne
ISBN:  978-3-453-41042-8
Veröffentlichung: 09. Dezember 2013
Leseprobe

Zum Inhalt:

London, in einem der Luxushochhäuser von Canary Wharf: Erst fällt die Klimaanlage aus, dann der Strom. Sämtliche Ausgänge sind verriegelt, und Rauch strömt aus den Belüftungsschächten. Em muss hilflos zusehen, wie ihre Freundin im 15. Stock panisch ein Fenster zertrümmert und hinausspringt. Kurz darauf wird Em verhaftet. Sie soll sich in die Computer des Gebäudes gehackt und die Freundin dadurch in den Tod getrieben haben. Jemand spielt ein falsches Spiel. Und macht Jagd auf Em …

Meinung – SaCre:

„Es ist nicht der Aufprall, an den man sich später erinnert. Was man immer wieder or sich sehen wird, ist der Moment des freien Falls.
Und man wird die Stille dieses Momentes hören. Denn die Welt hört auf, sich zu drehen. Alles ist ruhig.

Nur der Körper fällt, schwebend, lautlos.“ (Seite 7)

Viel Gutes habe ich bisher über Zoe Beck und ihre Bücher gehört und da ich richtig Lust auf einen Thriller hatte, kam dieses Buch genau richtig. Dachte ich… Meine Erwartungen waren hoch – wurden aber leider nicht erfüllt.

Die Protagonistin Emma Vine, genannt Em, hat mir gut gefallen. Sie ist gut mit Kimmy Rasmussen befreundet gewesen, bevor diese sich umbringt. Em ist geschockt und macht sich Vorwürfe, doch hatte ich schnell das Gefühl, dass diese Emotionen bei ihr recht schnell abstumpfen. Nichtsdestotrotz war sie mir auf ihre Art und Weise sympathisch und passte in die Story.

Die Grundgedanken der Geschichte fand ich gut: es ging um Politik, Macht, Familien(intrigen), Stalking und Terror. Hier war meiner Meinung nach alles an Zutaten für einen hervorragenden Thriller. Doch an einem entscheidenden Bestandteil haperte es: der Spannung! Ein Thriller lebt davon. Doch leider konnte die Autorin überhaupt nichts davon an mich vermitteln. Die Geschichte plätscherte so vor sich hin. Und immer, wenn sich bei mir die Hoffnung auf Spannung neu aufbaute, wurde ich enttäuscht.

Die Sprünge, die immer wieder in der Handlung auftauchten, haben mir nicht so gut gefallen. Mich haben sie teilweise sogar gestört und das ein oder andere Mal dache ich, dass die Aktion irgendwie aus dem Zusammenhang gerissen schien.

Gut gefallen hat mir aber die Einstreuung der Revolte zu Margaret Thatchers Tod und den Einbau der sozialen Netzwerke, wie Twitter. Das gab der ganzen Geschichte noch mehr Bezug zur Realität.

Tja, schade schade. Aber dieses Buch war für mich leider am Thema Thriller vorbei. Daher:

2

Meinung – SaFi:

Vorab ein kleiner Hinweis: Wer „Brixton Hill“ lesen möchte, weil er ein Thriller-Fan der blutrünstigen Art ist, wird sicherlich enttäuscht werden. Ich stand auch kurz davor, weil das Wort „Thriller“ auf einem Buchcover ganz bestimmte Erwartungen in mir weckt und diese während des Lesens nicht gänzlich erfüllt wurden. Dennoch wurde ich nicht komplett enttäuscht…

»Ich hatte den Eindruck, dass sie uns gar nicht bemerkt. Sie hat sich nicht nach uns umgedreht und auch nicht gezögert. Sie ist einfach gesprungen. Wir waren zu spät.« (Seite 25)

Zoë Beck hat hier das Reale mit dem Fiktiven kombiniert und eine spannende, wenn auch nicht sonderlich thrillige, Geschichte zu Papier gebracht. Und das in einem Stil, der mir sehr gut gefallen hat. Auf der einen Seite leicht zu lesen und zu verstehen, hatte ich doch das Gefühl, dass ihr Stil alles andere als alltäglich ist.

Die komplexe Handlung wird immer wieder unterbrochen, indem Zoë Beck Ereignisse aus dem bisherigen Leben der Protagonisten einstreut, bzw. Ort und Person wechselt, bevor es dann mit der eigentlichen Geschichte weitergeht. Diese Plot-Twists haben der Geschichte das gewisse Etwas verliehen und mir sehr gut gefallen.

Es werden viele Themen behandelt: Macht, Korruption, Stalking und Gentrifizierung (ich gebe zu, hier musste ich mal kurz googlen). Einige stehen im Vordergrund, die anderen ein wenig im Schatten und sind doch alles andere als uninteressant – so z. B. auch die Einbindung von Margaret Thatchers Tod. Und auch das gute alte Internet, oder besser gesagt Social Media, nimmt einen gewissen Platz in Anspruch.

„Erst jetzt drang es richtig in ihr Bewusstsein: Drei Menschen aus ihrem Umfeld waren nicht einfach nur gestorben, sondern getötet oder in den Tod getrieben worden.“ (Seite 191)

Während des Lesens habe ich unterschiedliche Phasen durchlaufen. Anfangs war ich ziemlich gebannt von den Ereignissen im 15. Stock des Hochhauses in Canary Wharf. Dann folgte eine kleine Flaute, weil ich nicht so recht wusste, wie ich das Buch nun einordnen soll und wo es mich hinführen würde. Als mir das dann klar war, konnte mich die Story wieder packen und begeistern, bevor ich zum Ende hin leicht mit dem Kopf schütteln musste, weil mir die Auflösung des Ganzen doch ein wenig zu weit hergeholt vorkam. Schlussendlich habe ich das Buch dann aber doch mit einem besseren Gefühl zugeschlagen, als ich es während der Flaute für möglich gehalten hätte.

Mit Emma Vine hat die Autorin eine Protagonistin ins Rennen geschickt, die, mit all ihren Ecken und Kanten, die sie zum Großteil alles andere als sympathisch wirken lassen, perfekt zu der Geschichte passt. Mit einem kleinen Liebchen, das durch und durch perfekt ist, wäre „Brixton Hill“ so wie es ist, nicht möglich gewesen.

„Zehn Minuten später schrieb Em auf ihrem Twitter-Account: ich lebe noch.
Diesmal kam die Antwort überraschend schnell. Wieder von einem eigens angelegten Account, der nur diese eine Nachricht verschickte: zähl die stunden, die dir bleiben.“ (Seite 298)

Für mich ist Zoë Becks „Brixton Hill“ kein Thriller, sondern eher ein handwerklich gut gemachter Krimi. Dennoch wurde ich nicht enttäuscht, denn Spannung (wenn auch nicht auf die thrillige Art) ist vorhanden und die Geschichte an sich sehr gut konstruiert.

3,5


[Rezension] Das Geheimnis von Ella und Micha | Jessica Sorensen

1 Buch - 2 Meinungen
Das Geheimnis von Ella und Micha - Jessica Sorensen

Das Geheimnis von Ella und Micha – Jessica Sorensen

 Titel: Das Geheimnis von Ella und Micha (Ella und Micha 1)
Autor: Jessica Sorensen
Seitenzahl:
288
Verlag: 
Heyne
ISBN: 978-3-453-41772-4
Veröffentlichung: 11. November 2013
Leseprobe

Zum Inhalt:

Ella liebt Micha, und Micha liebt Ella – es könnte so einfach sein. Doch Ella will mit ihrem alten Leben, das es nicht immer gut mit ihr gemeint hat, endlich abschließen. Sie zieht in eine andere Stadt, beginnt mit dem College und will alles vergessen. Vor allem auch Micha. Doch die Vergangenheit lässt sie nicht los, und ihre Gefühle sind stärker als jede Vernunft…

Meinung – SaCre:

„Er weiß, was ich sagen will – das weiß er immer. Micha ist mein bester Freund, mein Seelenverwandter. In einer idealen Welt voller Rosen und Sonnenschein wären wir zusammen. Doch diese Welt ist voll von kaputten Familien, besoffenen Vätern und Müttern, die zu schnell aufgeben.“ (Seite 7)

Micha und Ella sind ein Phänomen: sie können nicht miteinander, aber auch nicht ohne. Ella hat versucht, ihrem alten Leben zu entfliehen. Das hat auch funktioniert. Für 8 Monate. So lange war sie weg von Micha, ihrer Familie und ihrer Vergangenheit. Sie ist einfach abgehauen. Und Micha drohte daran zu zerbrechen.

In die Geschichte findet man als Leser schnell hinein. Man erfährt, dass Ella etwas passiert ist. Aber was, das bleibt erst einmal ein Geheimnis.
Was mir von Anfang an aufgefallen ist: wie abhängig die beiden doch voneinander sind. Insbesondere Micha von Ella. Sein Leben scheint während ihrer Abwesenheit pausiert zu haben. Dass er sein Leben in der Zeit so aufgegeben hat, fand ich auf der einen Seite doch übertrieben.
Andererseits… genau das macht auch den Reiz dieser Geschichte aus. Die beiden sind wie Feuer und Wasser oder zwei gleichgepolte Magnete. Und doch brauchen sie einander. So sehr, dass es schmerzt, wenn der andere nicht da ist.
Die Kapitel sind unterteilt und jeweils abwechselnd aus ihrer und seiner Sicht geschrieben. So lernt man beide Hauptpersonen als Leser sehr gut kennen und erfährt viel über ihre Gefühle und Ängste.

Beide haben Geheimnisse aus der Vergangenheit. Und beide sind sehr vielschichtige und komplizierte Charaktere. Ella kann keine Nähe zulassen. Auch ihrer Mitbewohnerin Lila gegenüber kann sie sich nicht öffnen. Sie liebt das Risiko und die Gefahr. Micha kann nicht loslassen. Auch er liebt Risiko und Gefahr, braucht ab und zu einen Kick.

„Das war einer der Gründe, aus denen ich mich in sie verliebte: die Energie, die Leidenschaft und der Drang, sich für Außenseiter einzusetzen, selbst wenn es bedeutete, selbst zur Ausgestoßenen zu werden. Sie fiel nie in irgendeine Kategorie, war eben Ella,…“ (Seite 30)

Die Geschichte liest sich gut und hat mich unterhalten. Die Idee der Geschichte ist gut, ebenso die Ausführung. Die Abhängigkeit fand ich allerdings etwas übertrieben und ab und zu hatte ich das Gefühl, dass es ein bisschen zu viel des Guten war. Nichtsdestotrotz bin ich gespannt, wie es im zweiten und letzten Teil mit den beiden weiter geht. Haben ihre tiefen Gefühle eine Chance? Wir werden sehen. Das „Wir gegen die Welt“ Gefühl kam auf jeden Fall bei mir an.

3,5

Meinung – SaFi:

Bereits der Einstieg in die Geschichte gestaltet sich ziemlich emotional. In dem einen Augenblick steht Ella noch auf einer Brücke und ist felsenfest davon überzeugt, dass sie fliegen kann. Im nächsten küsst sie Micha und kehrt ihrer Heimatstadt – ihrem alten Leben – den Rücken, bevor sie acht Monate später, in den College-Sommerferien, wieder zurückkehrt und alles zwar noch irgendwie so wie früher ist, gleichzeitig aber auch komplett anders.

„Er weiß, was ich sagen will – das weiß er immer. Micha ist mein bester Freund, mein Seelenverwandter. In einer idealen Welt voller Rosen und Sonnenschein wären wir zusammen. Doch diese Welt ist voll von kaputten Familien, besoffenen Vätern und Müttern, die zu schnell aufgeben.“ (Seite 7)

Die Freundschaft der beiden, dass wird ziemlich schnell klar, geht über das normale Maß weit hinaus. Neben der unausgesprochenen Liebe für einander, verbindet die beiden eine Art Abhängigkeit, die sich daraus ergibt, dass sie für den jeweils anderen in der Vergangenheit der einzige Halt waren und aktuell auch immer noch sind. Sonst gibt es da niemanden, der diese Rolle übernehmen könnte. Ella und Micha müssen auf ihren jungen Erwachsenenschultern bereits schwere Lasten tragen. An Dramatik sind die Ereignisse der Vergangenheit – und auch die der Gegenwart – zwar kaum zu überbieten, wirken aber dennoch nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern ziemlich real und dadurch beklemmend.

„Mit acht und neun Jahren war unser Leben ein stabiles Ganzes, nicht in tausend Teile zerbrochen.“(Seite 71)

Die Darstellung von Ella und Micha ist Jessica Sorensen gut gelungen. Ihre Gedanken, Wünsche, Ängste, Hoffnungen und Gefühle bringt sie – abwechselnd aus der Sicht von Ella und Micha – schnörkellos und einnehmend zu Papier. Sie verzichtet in ihrer Geschichte fast gänzlich auf überflüssigen Kitsch. Kommt dieser aber dennoch mal vor, dann wohl portioniert und einfach schön zu lesen. Abgerundet wird die Geschichte durch die ebenfalls gut ausgearbeiteten Nebencharaktere.

Auch wenn die Frage, ob Ella und Micha am Ende tatsächlich mehr werden als bloß beste Freunde durch die Tatsache, dass es mit „Für immer Ella und Micha“ in Kürze ein Fortsetzung geben wird, schon beantwortet zu sein scheint, kam bei mir während des Lesens keine Langeweile auf. Dafür hat mich die Geschichte der beiden – in der Vergangenheit und der Gegenwart – einfach zu sehr berührt. Ich habe mit ihnen gelitten, gehofft und geliebt.

»Ich will nicht, dass du aufhörst, dein Leben zu leben, weil ich nicht mehr hier bin.«
»Und ich will nicht, dass du woanders bist als hier.« (Seite 89)

Jessica Sorensen hat mich in „Das Geheimnis von Ella und Micha“ auf eine intensive Achterbahnfahrt der Gefühle mitgenommen, die von schweren Schicksalsschlägen und tiefen Emotionen geprägt war und mein Herz fast die ganze Zeit über im Klammergriff gehalten hat.

4,5


[Rezension] Phobia | Wulf Dorn

1 Buch - 2 Meinungen

Phobia - Wulf Dorn

Phobia – Wulf Dorn

Titel: Phobia
Autor: Wulf Dorn
Seitenzahl: 400
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-26733-6
Veröffentlichung: 09. September 2013
Leseprobe

Zum Inhalt:

Eine Dezembernacht im Londoner Stadtteil Forest Hill. Sarah Bridgewater erwacht, als sie ihren Mann überraschend früh von einer Geschäftsreise nach Hause kommen hört. Doch der Mann, den sie in der Küche antrifft, ist nicht Stephen. Er trägt jedoch den Anzug ihres Mannes, hat dessen Koffer bei sich und ist mit Stephens Auto nach Hause gekommen. Der Fremde behauptet, Stephen zu sein, und weiß Dinge, die nur Sarahs Mann wissen kann.
Für Sarah und ihren sechsjährigen Sohn Harvey beginnt der schlimmste Alptraum ihres Lebens. Denn der Unbekannte verschwindet ebenso plötzlich wieder, wie er bei ihr aufgetaucht ist, und niemand will ihr glauben. Nur ihr Jugendfreund, der Psychiater Mark Behrendt, kann ihr jetzt noch helfen. Ein psychologisches Duell mit dem Unbekannten beginnt. Und von Stephen Bridgewater fehlt weiterhin jede Spur …

Meinung – SaCre:

„Das ist der Unterschied zwischen der Angst eines Kindes und der eines Erwachsenen, dachte sie, während sie weiter schlaflos dem Wind lauschte. Kinder fürchten sich vor irrationalen Dingen, vor unheimlichen fliegenden Männern und Monstern im Kleiderschrank, und dann schlafen sie wieder ein, weil sie ihren Eltern glauben, dass sie sie vor dem Bösen in der Welt beschützen werden. Kinder wissen noch nicht viel von den wahren Schreckgestalten, die jenseits der dunklen Fensterscheibe auf sie lauern. Von den Ängsten, die weitaus komplexer sind als jeder schwarze Mann und jedes noch so grässliche Monster. Denn sie haben kein Gesicht, keine Gestalt, sosehr man auch versucht, sie beim Namen zu nennen.“ (Seite 36/37)

Ein neues Wulf Dorn Buch. Yeah!
Das Cover lädt schon mal zum Gruseln ein. Hui, der erste Eindruck lässt sich nur mit „spooky“ oder „creepy“ beschreiben. Auf Deutsch: sehr, sehr gruselig! Das ist das dritte Buch, welches ich von diesem Autor lese. „Trigger“ und „Dunkler Wahn“ konnten mich schon sehr begeistern. Was ich hier vorfand?
Spannung und Gruseln von der ersten Seite an.

Schon die Vorbemerkung lässt ein bisschen was erahnen. Und vom ersten Kapitel an war ich als Leserin mittendrin.
Sarah Bridgewater arbeitet mittlerweile von zuhause aus. Aufgrund von diagnostizierten Phobien kam sie zu dem Entschluss, dass dies besser für sie und ihre Familie sei. Ihr Mann Stephen ist Architekt – und seit einiger Zeit sehr gefragt. Er ist oft für mehrere Tage zu Kundenbesuchen unterwegs, sodass Sarah und ihr Sohn Harvey oft alleine sind. Doch alleine schläft sie oft schlecht.
Diese Grundstimmung kann Wulf Dorn von Anfang an vermitteln. Und dann taucht auch schon unvermittelt der falsche Stephen in Sarahs Küche auf – und von da an habe ich die Luft angehalten.
Die Angst und Verwirrtheit der Protagonistin war für mich fast greifbar, so treffend waren Wulf Dorns Worte hier. Das ganze Grauen, das Sarah widerfährt, konnte ich selber spüren.
Der Psychiater Mark Behrendt, der mir aus „Trigger“ noch bekannt war, taucht auch hier noch einmal auf und begleitet Sarah durch die Geschichte. So erlebte ich mit den beiden die aufregende und furchteinflössende Suche nach der Wahrheit und dem Grund für das Auftauchen des falschen Stephens.

Was mir bei Wulf Dorn immer sehr gut gefällt: seine Charaktere sind unglaublich tief gezeichnet. Viele haben psychische Probleme, deren Bezeichnungen ich vorher noch nicht gehört habe, und über die ich mich erst einmal im Internet informiert habe. Diese Krankheitsbilder sind so komplex, dass ich voller Bewunderung den Kopf schüttle und nur denke „Respekt, dass er sich das ausgesucht hat.“. Und man merkt, dass Wulf Dorn weiß, über was er schreibt.

„Phobia“ hat mich mitgerissen und begeistert. Jedem Thriller-Fan kann ich das neuste Werk von Wulf Dorn uneingeschränkt ans Herz legen.

„Das Schicksal ist ein launischer Weichensteller. Es führt Menschen zusammen, nur um sie wieder zu trennen. Und wenn es ihm gefällt, begegnen sie sich wieder – auf Wegen, die man sich in seiner wildesten Fantasie nicht vorstellen kann.“ (Seite 23)

5

Meinung – SaFi:

Nun musste ich es auch endlich mal tun. Bei dem Cover blieb mir auch gar nichts anderes übrig. Ich habe mein erstes Buch von Wulf Dorn gelesen. Und, ich nehme es schon mal vorweg, es wird bestimmt nicht das Letzte gewesen sein…

Der Einstieg in das Buch gestaltet sich genau so, wie ich es mir von einem Thriller erhoffe, und in den meisten Fällen auch erwarte. Ohne eine genaue Ahnung zu haben, erfährt man Vieles und es wird einem der Mund wässerig gemacht. Man möchte am liebsten sofort wissen, was das alles zu bedeuten hat…

„Die Angst war aus der Stille gekommen. Als habe sie auf den richtigen Moment gelauert, um dann mit aller Macht über sie und ihre Familie hereinzubrechen.“ (Seite 23)

Wulf Dorn hat eine bedrückende Atmosphäre geschaffen, die perfekt mit dem winterlichen London harmonisiert. Direkt von Beginn an wirkt die Story unglaublich dicht. Die Frage, wie ich mich verhalten würde, wenn ich mitten in der Nacht einem fremden Mann in den Kleidern meines Freundes in unserer Küche gegenüberstehen würde, der dann auch noch behauptet, mein Freund zu sein, beschäftigte mich anfangs sehr. Doch schon bald rückte dieser Aspekt in den Hintergrund und ein anderer tauchte stattdessen auf. Was würde ich tun, wenn mir keiner glauben würde? In dieser Hinsicht konnte ich Sarah, auch wenn ich ansonsten nicht besonders viel mit ihr anfangen konnte, sehr gut verstehen.

„Wer konnte schon sagen, was im Kopf eines Mannes vor sich ging, der in fremde Häuser eindrang, um dort, mit einem Messer in der Hand »Familie« zu spielen?“ (Seite 57)

Aus wenig macht Wulf Dorn viel. Mit anderen Worten: Er braucht keine blutrünstigen Gemetzel niederzuschreiben, um mich als Leser in Angst und Schrecken zu versetzen. Er schafft das mit normalen, fast alltäglichen Szenen, die aufgrund der besonderen und extremen Situation, der Sarah ausgesetzt ist, aber an Nervenkitzel kaum zu überbieten sind.

Der Spannungsbogen lebt von den unterschiedlichen Schauplätzen, den wechselnden Sichtweisen und den großen Fragen „Wo ist Stephen?“ und „Was ist der Plan den Unbekannten?“. Natürlich erhält man darauf ausreichende und durchaus überraschende, teilweise sogar bedrückende, Antworten. Doch der Weg dahin verlangte mir, trotz aller Spannung, ein- oder zweimal doch ein wenig Durchhaltevermögen ab.

„Weißer Schaum quoll aus seinem Mund. Er begann spastisch zu zucken, und sein Darm entleerte sich. Dann verdrehte er die Augen, und ein weiterer Schwall weißen Schaums ergoss sich über sein Kinn und auf sein T-Shirt. Er krampfte ein letztes Mal, dann war es vorbei.“ (Seite 270)

„Phobia“ war mein erstes Buch von Wulf Dorn und hat mich, alles in allem, begeistern können. Auch ohne derbe Abschlachtszenen gelingt es dem Autor, eine ungemein spannende Geschichte zu erzählen, die mich zum Ende hin sogar ein wenig berühren konnte. Fans von gut durchdachten und ebenso gut umgesetzten Psychothrillern werden sicher auf ihre Kosten kommen.

4